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HARVARD COLLEGE LIBRARY
FROM THE FUND OF CHARLES MINOT
CLASS OF 1828
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ARCHIV FÜR SCHRIFTKUNDE
OFFIZIELLES ORGAN DES DEUTSCHEN SCHRIFTMUSEUMS ZU LEIPZIG
SCHRIFTLEITUNG MUSEUMS-DIREKTOR
PROFESSOR DR. SCHRAMM
LEIPZIG, GERICHTSWEG 26
LEIPZIG VERLAG VON K, F., KOEHLER 1918
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INHALT
Zur Einführung + = 3 25 2 2. a EL A Fa aria . Deutsche Schrift und lateinische Schrift. Von Universitäts - Professor Dr. Krabbo-Leipaie 22... 3 ara Kae ees Ursprung und Alter der Buchstabenschrift. Von Professor Dr. Freiherr von Lichtenberg-Berlin ......... EI er ee: Seen ces es
Die Anordnung unseres Alphabets. Von Universitäts-Professor Dr. Hommel-
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. Von Oberlehrer Dr. Stübe-Leipzig . Mitteilungen 4... # 24-2 a ae ea Fre nr Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift. Von Dr. Adolf Grohmann . ...: 2:20 ne 0 m on ee. Studien zur englischen Kurzschrift im Zeitalter Shakespeares: Timothe Brights Characterie, entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet. Von Paul Friedrich... ; »-:. 4 #: 8 2:0 2-0 wa. ua eh Deutsche Würde fordert die Befreiung der deutschen Handschrift vom Banne britischen Einflusses. Von Professor Fr. Kuhlmann. ... . Studien zur englischen Stenographie im Zeitalter Shakespeares: Timothe Brights Characterie, entwicklungsgeschichtlich und kritisch betrachtet.
Von Dr. Paul Friedrich. (Schluß). . ....... PEE E ee Der „britische Schnörkel“. Eine Entgegnung. Von Professor Ansgar Schoppmeyer, Berlin... ... 2.2... 2 ee ee ewe ee ewe Mitteilungen aus dem Deutschen Schriftmuseum zu Leipzig. ....... Türkische Nationalschrift. Vorschlag zur Reform der türkischen Schrift. Von Pauly: Janko. 222.2. 2 32.223. 2a su wei a
Über die mutmaßliche stenographische Entstehung der ersten Quarto von Shakespeares „Romeo und Julia“. Von Dr. phil. Adolf Schöttner
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Zur Einführung.
E: wirklich brauchbares, allen Anforderungen entsprechendes Werk über Geschichte der Schrift gibt es nicht; ein solches wird wohl auch in absehbarer Zeit nicht geschrieben, da die Arbeit unter den heutigen Ver- hältnissen die Kraft eines Mannes weit übersteigt. Es fehlen zumeist die Grundlagen für eine wirklich einwandfreie Darstellung der geschicht- lichen Entwicklung der Schrift; soweit sie da sind, sind sie so zerstreut, sei es in Zeitschriften oder Sammelwerken, sei es in Grammatiken oder Geschichtswerken, daß es kaum möglich ist, sie überhaupt in jahrelanger Arbeit zusammenzubringen. Dazu kommt in bezug auf die Arbeiten selbst der beklagenswerte Zustand, daß sie vielfach ohne jeden Zusammen- hang mit der allgemeinen Schriftgeschichte behandelt worden sind; es fehlte eben das Zusammenarbeiten der Schriftfreunde und der Schrift- kundigen, ja sie gingen oft aneinander vorüber, ohne sich zu beachten, als ob sie sich nichts angingen; und doch ist der Zusammenhang der ein- zelnen Schriftgebiete vielfach ein viel engerer, als die Vertreter der ein- zelnen Schriftgruppen ahnen. Seit Jahren suchte eine größere Anzahl „Schriftfreunde“ dem Übel abzuhelfen, freilich ohne greifbaren Erfolg, da eine Bibliographie der Schriftkunde fehlt und ein Museum, in dem man alles, was die Schriftkunde betrifft, zusammen sehen könnte, nicht vorhanden war. Die Bemühungen wurden aber vor Jahresfrist insofern von Erfolg gekrönt, als in Leipzig im Anschluß an das Deutsche Buch- gewerbemuseum dank dem verständnisvollen und energischen Eingreifen des Deutschen Buchgewerbevereins und der zielbewußten Tatkraft seines Vorsitzenden Dr. Volkmann, dank dem freundlichen Entgegenkommen der Kgl. Sächsischen Staatsregierung unter Beihilfe der Stadt Leipzig ein Deutsches Schriftmuseum ins Leben gerufen werden konnte, das, von allen Seiten tatkräftig unterstützt, sich in kurzem zu einer Sammelstelle des Schriftwesens herausgewachsen hat, wie man es nicht zu hoffen wagte. Reiche Stiftungen von Gipsabgüssen, Photo- graphien, Literatur, von größeren Geldbeiträgen usw. schufen eine Grund- lage, die zusammen mit den Arbeiten für die in diesem Jahr stattfindende Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig die freudige Perspektive eröffnet, daß das so lange vernachlässigte Gebiet der Schriftkunde künftig mehr berücksichtigt und mehr erforscht wird. Das Museum selbst gliedert sich zunächst in vier ‘Abteilungen: Eine histo- rische Abteilung, die die Druck- und Schreibschrift aller Völker von den primitivsten Anfängen der Schrift bis zur Neuzeit vorführen soll in Gipsabgüssen, Photographien, Nachbildungen, Originalen usw; eine spezielle Abteilung, die die besonderen Abarten der Schrift zeigen wird, wie: Kalligraphie, Pasigraphie, Geheimschrift, Kurzschrift, Zahlen- schrift, Blindenschrift, Notenschrift, moderne Kunstschrift; eine tech - nische Abteilung, die die Schreibwerkzeuge vom grauen Altertum Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, I. 1. 1
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bis zur Neuzeit enthält und das Schreibmaterial, auf dem geschrieben wurde und geschrieben wird; eine bibliographische Abteilung durch eine Bibliothek der Schriftkunde, der die Aufgabe zufallen soll, die ungeheuer zerstreute Literatur auf all den genannten Gebieten zu sammeln und zu registrieren, vor allem aber eine möglichst lückenlose Bibliographie auf dem Gebiete der Schriftkunde zu ermöglichen. Damit wäre wenigstens der erste Schritt zur Möglichkeit einer erfolgreichen Bearbeitung der Schriftkunde getan. Freilich mit dem bloßen Sammeln von Gegenständen und Literatur ist es nicht getan, das Gesammelte muß auch verarbeitet, ergänzt, kritisch gesichtet, in Beziehung zueinander gebracht werden, soll eine wirklich brauchbare Geschichte der Schrift daraus entstehen. Gar manche Monographie über dies oder jenes Schrift- gebiet wird geschrieben, gar mancher Aufsatz über Einzelheiten verfaßt werden müssen, bis überall Klarheit herrscht. In richtiger Erkenntnis dessen ist neben das Deutsche Schriftmuseum der Verlag von K. F. Koehler in Leipzig getreten und hat die Herausgabe eines „Archiv für Schrift- kunde“ in die Wege geleitet, das allen denen, die auf dem Gebiete der Schriftkunde arbeiten, die Möglichkeit geben soll, sich gegenseitig kennen zu lernen und ihre Meinungen auszutauschen. Daß die neue Zeitschrift eine streng wissenschaftliche sein will, ist nach dem Gesagten klar. Pro- pagandistische Tendenzen nach irgendeiner Richtung liegen ihr also voll- ständig fern. Ebensofern liegen ihr Auseinandersetzungen über den Inhalt einer Handschrift oder eines Druckes; ihr kommt es nur auf die Schrift als solche an. Flaggensignale und ähnliches sind, obwohl sie menschliche Gedanken ausdrücken, keine Schrift und scheiden infolge- dessen auch aus. Typographie und Stenographie kommen nur insofern in Frage, als ihre Geschichte von Wichtigkeit ist oder bahnbrechende Änderungen vorkommen. Das Deutsche Schriftmuseum ist dem Verlag von K. F. Koehler, der in uneigennütziger Weise durch die vorliegende Zeitschrift einen Sammelpunkt für die Schriftkunde geschaffen hat, zu größtem Danke verpflichtet und bittet alle die, die Interesse für die Ent- wicklungsgeschichte der Schrift haben, um rege Mitarbeit; Stoff zur Bearbeitung gibt es in Hülle und Fülle — selbständige Aufsätze, Referate und Rezensionen, Notizen und bibliographische Zusammenstellungen sind jederzeit erwünscht —; manches Dunkel wird gelichtet, manche Unrichtig- keit berichtigt werden können, so daß wir hoffentlich im Laufe der Jahre Faulmanns,,Geschichteder Schrift‘, die an Phantasterei und Unwissenschaft- lichkeit nichts zu wünschen übrig läßt, und Taylors Buch ,,The Alphabet‘ durch ein besseres, wissenschaftlich einwandfreies Werk ersetzen können.
Leipzig, im Februar 1914.
Deutsches Schriftmuseum zu Leipzig
Dr. Albert Schramm
Museumsdirektor.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 3
Deutsche Schrift und lateinische Schrift
Von Hermann Krabbo.
eit einigen Jahren streitet man sich heftig in Deutschland, welcher
Schriftart der Vorzug zu geben sei; Vorkämpfer der Antiqua oder lateini- schen Schrift stehen auf der einen Seite, Streiter für die Fraktur oder deutsche Schrift auf der anderen. Aus beiden Lagern ist mit oft mehr Eifer als Sachkunde namentlich über den einen Punkt gestritten worden, ob und wie weit die deutsche oder Frakturschrift wirklich eine nationale Errungenschaft sei. Denjenigen, die für die Fraktur kämpfen, ist Fürst Bismarck stets ein willkommener Eideshelfer gewesen; denn er hat sich zu gunsten der ihm lieberen und bequemeren deutschen Schrift mit dem machtvollen Einfluß seiner Persönlichkeit eingesetzt. Der der Schrift- kunde leider vorzeitig entrissene Ludwig Traube hat auf zwei in dieser Richtung getane Äußerungen des Fürsten hingewiesen!) und aus ihnen den Schluß gezogen, daß Bismarck an eine deutsche Nationalschrift glaubte. Aus den Verlautbarungen des Fürsten geht zunächst nur hervor, daß die Lektüre von deutschen Werken in lateinischem Druck ihm zu zeitraubend und unbequem war?2); er erklärte, ein in Fraktur gedrucktes deutsches Buch in drei Vierteln derselben Zeit erledigen zu können, wie ein gleiches, das sich in Antiqua präsentiere. Er fuhr dann in der Äußerung vom Jahre 1882 fort: „Französisch oder Englisch mit deutschen Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die gleiche Schwierigkeit machen. Der gebildete Leser liest nicht Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben
1) Ludwig Traube, Vorlesungen und Abhandlungen Bd. II (Einleitung in die lateinische Philologie des Mittelalters, herausgegeben von Paul Lehmann, München 1911) 7, Anm. ı. Die beiden Äußerungen des Fürsten stammen vom 24. Mai 1881 und vom 4. Oktober 1882; vgl. Horst Kohl, Fürst Bismarck Regesten II, S. 240 und 292.
2) Genau umgekehrt hat die Rücksicht auf Friedrich den Großen, der an die Fraktur nicht gewöhnt war, gelegentlich dazu geführt, Werke preußischer Schrift- steller in Antiqua zu drucken; das bezeugt ein Brief Ramlers vom 13. September 1749, angeführt bei Heinrich Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur (2. Aufl. Berlin 1878) 41. Ich verdanke den Nachweis Herrn Dr. Fritz Arnheim-Berlin.
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sein würde, und nötigt zu langsamerem Lesen. . .‘“ Mit voller Sicherheit läßt sich aus diesen Worten doch nicht der Schluß ziehen, daß Bismarck an den nationalen Ursprung unserer Schrift glaubte — nur so können Traubes Worte in ihrem Zusammenhang gedeutet werden. Und wie mir Herr Professor Horst Kohl freundlichst mitteilt, hat sich der Fürst auch ihm gegenüber schriftlich wie auch (am 26. November 13891) mündlich zum gleichen Thema "geäußert; vom nationalen Charakter der Fraktur sprach er nur insoweit, alser inihr dehistorisch gewordene Form unserer Schrift sah, die mit der deutschen Sprache, dem deutschen Wortbilde eng verbunden sei.
Die Frage nach der Entstehung der Fraktur kann nur behandelt werden im Zusammenhang mit der Frage nach dem Ursprung der lateinischen Schrift; und hinter dieser Frage steht das Problem von der Entstehung der Schrift überhaupt; wenigstens mit ein paar Worten darf ich hieranknüpfen!).
Die älteste Schrift, die wir kennen, ist die Bilderschrift; wir finden sie als ursprüngliche Schrift bei den Kulturvölkern, deren Schrifttum wir weit nach rückwärts überblicken, so bei den Ägyptern und den Chinesen; wir finden sie gleichermaßen noch heute bei manchen Naturvölkern. Die Deutung der Schriftzeichen geschieht vom Bilde auf das Wort. Beim Steigen der Kultur häuft sich nun aber die Zahl der Worte und mit ihnen die Zahl der Schriftbilder derart, daß man beim Schreiben aus praktischen Gründen auf eine kleinere Einheit als das Wort zurückgehen muß; so geht man erst zu Silbenzeichen, dann aber zu Lautzeichen oder Buchstaben über. Diese Entwicklung hat sich für uns erkennbar bei den orientalischen Völkern vollzogen; von ihnen, den Semiten, übernahmen die Griechen die Buch- staben, deren Bestand sie den eigenen Bedürfnissen entsprechend modelten. Namentlich fügten sie, was ein entscheidender Fortschritt war, besondere Lautzeichen für die Vokale hinzu, indem sie den für sie unbrauchbaren Zeichen der semitischen Hauchlaute diese neue Bedeutung gaben. Von den Griechen wanderten die Buchstaben schließlich weiter westwärts zu den Römern. Vermittler der Schrift waren den Römern die alten griechisch- chalkidischen Kolonien in Unteritalien, die einen von dem uns geläufigen griechischen Alphabet mehrfach abweichenden Buchstabenbestand kannten.
1) Für die folgenden Ausführungen zitiere ich hier zusammenfassend einige Werke und Monographien, auf die sich dieser kurze Abriß stützt, ohne nachher im einzelnen überall die Zitate zu wiederholen. B. Bretholz, Lateinische Paläo- graphie, Teil von Meisters Grundriß der Geschichtswissenschaften I, ı (2. Aufl. 1912). — M. Tangl, Deutsche Schrift. In dem von Joh. Hoops herausgegebenen Reallexikon der Germanischen Altertumskunde I (1912), 395ff., sowie die Erläuterungen Tangls zu den von ihm herausgegebenen Schrifttafeln (Schrifttafeln zur Erlernung der lateinischen Paläographie, herausgegeben von W. Arndt. Heft I und II in vierter von Tangl besorgter Aufl. Berlin 1904 und 1906; Heft III herausgegeben von Tangl, 2. Aufl. Berlin 1907; auch die beiden ersten Hefte, von Tangl in ihrem Bestand vielfach verändert und sachkundig erläutert, sind durch ihn etwas ganz anderes geworden, als sie früher waren. — Franz Steffens, Lateinische Paläo- graphie (2. Aufl. Trier 1909). — K. Brandi, Unsere Schrift (Göttingen ıg11).
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 5
An den chalkidisch-griechischen Buchstaben haben die Lateiner bei der Übernahme wieder mancherlei geändert, so entfernten sie die drei Aspirata, die sie zu Zahlzeichen machten: das Chi wurde als 50, das Theta als 100, das Phi als 1000 verwendet; und so ist das lateinische Alphabet entstanden, allmählich, nicht mit einem Schlage: die ältesten bekannten römischen Inschriften, so namentlich eine 1899 auf dem Forum Romanum gefundene vierkantige Säule, weisen noch lateinische Worte mit überwiegend griechi- schen Schriftzeichen auf. Das lateinische Alphabet entwickelte sich so zu einem Bestand von 2ı Buchstaben (ABCDEFGHIKLMNOPQORSTVX). Zu ihnen traten im Zeitalter Ciceros zwei weitere Buchstaben hinzu, Y und Z; man bedurfte ihrer zur Transkription griechischer Worte. Bei diesem Bestand, 2ı lateinische + 2 griechische Buchstaben, ist es ge- blieben, der Versuch des gelehrten Kaisers Claudius (} 54 p. Chr.), drei neue von ihm erfundene Buchstaben in Umlauf zu setzen, scheiterte, ob- wohl von diesen Buchstaben wenigstens einer zweifellos einem praktischen Bedürfnis entsprochen hätte, ein konsonantisches v als besonderes Zeichen neben dem vokalischen u.
Indem das lateinische Alphabet sich in voller Selbständigkeit neben dem griechischen entwickelt hatte, gab es also im Mittelmeerkulturkreis zwei indogermanische Alphabete; auf sie gehen mittelbar oder unmittelbar alle seither in Europa gebrauchten Schriftzeichen zurück, natürlich mit Aus- nahme der türkischen. Auf lateinische und griechische Buchstaben lassen sich namentlich auch die ältesten Schriftzeichen der Germanen zurück- führen. Die Runenschrift ist nach der herrschenden Ansicht im 3. Jahr- hundert nach Christus an der Donau von den Germanen erfunden worden unter starker Anlehnung an die lateinischen Buchstaben!), sie ist dann Gemeingut der Germanen geworden. Andererseits hat der Gote Wulfila (er starb 383) im 4. Jahrhundert sein gotisches Alphabet im wesentlichen auf dem ihm näher liegenden griechischen: Alphabet — die Goten wohnten damals im Norden der Balkanhalbinsel — aufgebaut unter Hinzunahme einiger lateinischer Buchstaben, und ist dabei frei gestaltend vorgegangen. Hatte zuerst das römische Reich für die Verbreitung lateinischer Schriftzeichen gesorgt, so übernahm die gleiche Aufgabe später die römische Kirche: zugleich mit den heiligen Schriften brachten die Missionare den Germanen auch die lateinischen Buchstaben, in denen das Evangelium geschrieben war. Künftig wurde der lateinische Buchstabenbestand auch
da verwendet, wo die Deutschen Aufzeichnungen in der Muttersprache .
machen wollten; natürlich genügte der Buchstabenbestand diesen Be- dürfnissen nur mangelhaft; nicht alle Laute der germanischen Zunge ließen sich mit lateinischen Buchstaben wiedergeben; die Angelsachsen
1) Vgl. zu der noch umstrittenen Frage nach dem Ursprung der Runen die Zu- sammenstellung der Literatur bei L. Traube, Vorlesungen und Abhandlungen Bd. I (Zur Paläographie und Handschriftenkunde, herausgegeben von Paul Lehmann, München 1909) 4 Anm. 2.
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haben diesem Umstand Rechnung getragen, sie haben besondere Schrift- zeichen fiir das aspirierte d und t erfunden. Auf dem Festland dagegen ist man unter dem Bann der lateinischen Buchstaben nicht so weit ge- kommen; daß die Buchstaben für den Bedarf des Deutschen nicht ganz ausreichten, empfand man auch hier, wie mehrfach bezeugt ist!); und der merowingische König Chilperich (ein Enkel Chlodowechs, gest. 584) ist wie der Kaiser Claudius unter die Erfinder gegangen: er ersann Zeichen für vier neue Laute, eines für gedehntes o, ein zweites für ae, ein drittes für aspiriertes t, ein viertes für w. Der Bann der lateinischen Schriftkultur war zu stark, als daß diese sicher germanischem Sprachbedürfnis ent- sprechenden Buchstaben sich hätten durchsetzen können, obwohl, wie Gregor von Tours erzählt, der königliche Erfinder seinen Geisteskindern mit Gewalt Eingang verschaffen wollte durch den Befehl, daß alle alten Handschriften mit dem Bimsstein getilgt und unter Verwendung der könig- lichen Buchstaben neu geschrieben werden sollten — wenigstens die Durchführung des ersten Teils dieser Gewaltmaßregel wäre im Zeitalter der Palimpseste vielleicht keine ganz ungewöhnliche Manipulation ge- wesen; aber wir kennen jedenfalls keine einzige Handschrift, die unter Verwendung der neuen Buchstaben geschrieben wäre. Der Buchstabe für w, den der Merowingerkönig des VI. Jahrhunderts einführen wollte, hat sich erst im XI. und XII. Jahrhundert durch Verdoppelung des v gebildet, und die weiteren Fortschritte gegenüber dem lateinischen Buch- stabenbestand, die die deutsche Sprache dann noch erzielt hat, die Scheidung von vokalischem u und konsonantischem v, von vokalischem i und konso- nantischem j, sind erst Errungenschaften neuerer Zeiten. Auch die Diphthonge ä, ö und ü stellen späte und bescheidene Fortbildungen des lateinischen Alphabets dar. Also: was den Bestand an Schriftzeichen be- trifft, steht die deutsche Schrift stark im Bann der lateinischen; sie hat sich kaum zu einer selbständigen Fortbildung und Umbildung der über- nommenen Zeichen erhoben, wie solches die Griechen mit den semitischen, die Lateiner mit den griechisch-chalkidischen Buchstaben taten, wie es noch in germanischer Frühzeit der Erfinder des Runenalphabets gegenüber den lateinischen, der Gotenbischof Wulfila gegenüber den griechischen Buchstaben vermochten. |
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Nun zu der zweiten Frage, zur Entwicklung der Buchstabenformen. Wiederum haben wir mit der lateinischen Frühzeit zu beginnen. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt stehen uns zum Schriftstudium nur inschriftliche Denkmäler zur Verfügung; wir ersehen aus ihnen, wie sich große, schöne Buchstaben entwickeln, von Formen, die etwa dem ent- sprechen, was wir heute als große gedruckte lateinische Buchstaben kennen;
ı) Vgl. Tangl, Deutsche Schrift a. a. O. 397.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift | 7
die Wissenschaft bezeichnet diese Schriftgattung als Kapitale: feierlich und groB reiht sich da Buchstabe an Buchstabe, alle gleich hoch, meist auch gleich breit, man spricht deshalb von litterae quadratae. Die Elemente, aus denen sich die Buchstaben zusammensetzen, sind wenige: der senk- rechte, der wagerechte, der schräge Strich; dazu Kreis und Halbkreis. Diese schönen, aber schwerfälligen Buchstaben haben auch über ihre in- schriftliche Verwendung hinaus in der Literatur Eingang gefunden, die glänzenden Handschriften — oder modern ausgedrückt: die Pracht- ausgaben — der klassischen und frühchristlichen Dichter sind vielfach in ihnen geschrieben. Für den täglichen Gebrauch waren diese Buchstaben, die mehr gemalt als geschrieben wurden, nicht geeignet, aber auch als Bücherschrift waren sie sehr schwerfallig. So ist man, um eine etwas flüssigere Bücherschrift zu gewinnen, dazu gekommen, die starren Formen der Kapitale durch Rundung für die schreibende Hand bequemer zu machen, unter Festhaltung schöner und klarer Formen, wie solche die Buchschrift verlangte; so ist die Unziale entstanden: sie mit ihren runden Formen ist ihrer Entstehung nach in erster Linie Bücherschrift, die nur selten in Inschriften sich findet (denn die runde Linie ist dem Meißel un- bequem), während die Kapitale ihre Formen als epigraphische Schrift herausgebildet hatte und erst an zweiter Stelle Bücherschrift wurde. Auch die Unziale entfernte sich noch weit von den Bedürfnissen des Tages; auch sie stellte, wie die Kapitale, hohe Anforderungen an die Kunstfertigkeit des Schreibers, auch sie erforderte großen Aufwand an Zeit und Pergament. So wird sie weitergebildet zu einer Mischschrift, in die einzelne kursive Elemente (Buchstabenverbindungen) eindringen, während doch der unziale Grundcharakter beibehalten wird; sodann werden die Buchstaben kleiner, dafür aber, um bessere Unterscheidungsmerkmale zu gewinnen, bilden sich bei einzelnen Buchstaben Ober- und Unterlängen heraus; die Schrift geht allmählich über zum Vierlinienschema. Man bezeichnet diese Weiter- entwicklung der römischen Bücherschrift als Halbunziale. Ein weiteres - Mittel, das neben dieser Fortentwicklung der Buchstabenformen dem unabweislichen Bedürfnis, schnell schreiben zu können, dienen sollte, bestand darin, daß man konventionelle Kürzungen in die Bücherschrift einführte, und zwar schließlich in solchem Umfang, daß schon Kaiser Justinian sich genötigt sah, gesetzgeberisch gegen diesen zum Unfug werdenden Gebrauch vorzugehen. Da namentlich die juristischen Hand- schriften durch das Übermaß von Kürzungen tatsächlich unbrauchbar wurden, verfügte der Kaiser 533: ‚‚Gleichermaßen gehen wirwegen Fälschung auch gegen diejenigen vor, die es wagen sollten, unsere Gesetze mittels unverständlicher Kürzungen niederzuschreiben. Alles soll nach unserem Willen durch den vollen Buchstabenbestand, nicht durch Kürzungen ausgedrückt werden; wer sich ein solches Buch herstellt, in dem sich an irgendeiner Stelle Kürzungen finden, der möge wissen, daß er der Besitzer eines unbrauchbaren Kodex sei. Denn wir verbieten, irgend etwas vor
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Gericht zu verlesen aus einem Kodex, der an irgendeiner Stelle die nichts- würdigen Kürzungen aufweist.“
Kapitale, Unziale und Halbunziale sind Buchschriften; neben ihnen her läuft in allen den Jahrhunderten, in denen jene Buchschriften ge- schrieben wurden, eine flüchtige Geschäftsschrift oder Kursive. Das Wesen von Kursivschriften besteht in zweierlei: einmal besteht bei ihnen die Tendenz, das Schriftbild des einzelnen Buchstaben durch die rasch schrei- bende Hand fließender und flüchtiger zu gestalten: bequeme Striche werden verlängert, unbequeme verkürzt, schwinden manchmal ganz; die ursprüng- liche Form des Buchstaben wird so weit gemodelt, daß die Grundelemente, ob Schaft oder Rundlinie, im neuen Schriftbild oft ganz verwischt sind. Sodann hat jede Kursivschrift die Tendenz, die einzelnen Buchstaben miteinander in Verbindung zu setzen, ohne Absatz von Buchstabe zu Buchstabe weiter zu schreiben. Die ältere Kursive also knüpft an die Buchstaben der Kapitale an, deren strenge, schöne Formen sie zu flüchtig hingehauenen, schwer lesbaren Buchstaben umbildete. In diesen Buch- staben ist z. B. die Schrift von mehreren Wachstafeln gekritzelt, die man 1786 in Siebenbürgen entdeckte; und mehr als 1/ Jahrhundert verging, bis der Münchener Professor Maßmann 1840 die rätselhaften Buchstaben als lateinische Schrift erkannte und deutete.
Jede Kursivschrift trägt Keime der Entartung in sich; es sind im Laufe der Schriftentwicklung wieder und wieder Anläufe zu konstatieren, die den das Lesen allzusehr störenden Entgleisungen der Kursive entgegen- wirken wollen. So knüpft denn auch die Fortentwicklung der römischen Geschäftsschrift weniger an die entartete Majuskelkursive an, als vielmehr an die runden Formen der Unziale. Es entsteht eine jüngere Kursive etwa gleichzeitig mit der Halzunziale!). Sie verkleinert, wie ihre kalligraphische Schwester, die Halbunziale, die Buchstaben und bringt damit zahlreiche Ober- und Unterlängen bei den Einzelbuchstaben hervor; sie ist also eine Minuskelschrift. Sie macht reichlichen, man darf sagen, überreichlichen Gebrauch von den Möglichkeiten, die Einzelbuchstaben miteinander zu verbinden; nicht einmal vor den Wortenden macht sie halt, was uns das Lesen ungemein erschwert, die wir an scharfe Worttrennung gewöhnt sind: in römischen Urkunden, die sich dieser Schrift bedienen, finden sich ganze Zeilen, innerhalb deren kaum eine Worttrennung vom Schreiber respektiert ist.
Wir haben jetzt die Entwicklung der lateinischen Schrift bis zu dem Augenblick verfolgt, wo das weströmische Reich endgültig zusammen- brach: Bücherschrift war damals die Halbunziale, Geschäftsschrift die jüngere oder Minuskelkursive.e. Auf den Trümmern des Römerreichs er- richteten germanische Wandervölker, zu festen Siedlungen übergehend, ihre Staaten; sie übernahmen ganz einfach die Schrift, wie sie sie vor-
1) Jedoch führen selbstredend auch direkte Verbindungslinien von der älteren zur jüngeren Kursive, vgl. Arndt-Tangl, Tafel 32A = Steffens Tafel 13.
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fanden; literarisch nicht interessiert, wie sie waren, kiimmerten sie sich allerdings nicht um die Bücherschrift, sondern nur um die Geschäftsschrift, die auf dem ehemals römischen Boden, dessen einzelne Teile jetzt politisch zusammenhanglos nebeneinander standen, sich nun allerdings rasch sehr divergierend entwickelte; so schrieb man, um nur zwei Extreme namhaft zu machen, in der Stadt Rom, speziell in der päpstlichen Kanzlei, in ge- spreizter Breite, im Frankenreich, speziell in der merowingischen Königs- kanzlei, in gedrängter Enge. Hält man Proben dieser beiden Schriften nebeneinander, so tritt über den Verschiedenheiten der gemeinsame Grund- charakter zurück, und er ist früher auch völlig verkannt worden: man war der irrigen Ansicht, die Schriften, die im langobardischen, im mero- wingischen, im westgotischen Reich geschrieben wurden, seien nationale Erfindungen der Langobarden, der Franken, der Westgoten, und man prägte das Schlagwort Nationalschriften, einen Terminus technicus, der durchaus unrichtig ist, der aber, da er bequem ist, vielfach festgehalten wird. Ich betone nochmals: wie die Nachfahren der alten Römer selbst, die sich wenigstens in Teilen Italiens noch politisch selbständig hielten, so schrieben auch die Germanen aller Festlandreiche die sich verschieden entwickelnde jüngere römische Kursive, sie brauchten diese Buchstaben sowohl wenn sie lateinisch schrieben, als auch wenn sie die Laute der Muttersprache wiedergaben.
Nur auf den Inseln an der Peripherie des abendländischen Kulturkreises war die Entwicklung der Schrift eine andere: bis nach Irland war das römische Reich überhaupt nie vorgedrungen, und auch in England, das spät erobert und früh wieder geräumt war, hat die lateinische Schriftkultur keine Spuren hinterlassen, die lebensfähig genug gewesen wären, die Römerzeit zu überdauern. Zu den Iren und zu den Angelsachsen, den germanischen Eroberern Britaniens, ist die lateinische Schrift erst zusammen mit dem Christentum gelangt; aus der Bibel haben die Inselbewohner die Buchstaben kennen gelernt, d. h. natürlich die Buchstaben der Bücher- schrift, die Halbunziale. Somit entwickelt sich hier auf den Inseln eine weitere sogenannte Nationalschrift, die im grundsätzlichen Gegensatz zu den Festlandschriften steht; auf dem Festland schreibt man kursiv, auf den Inseln nicht kursiv; natürlich war die Inselschrift an Klarheit weit über- legen, während die festländischen Kursivschriften unter den Händen der Germanen steigender Entartung anheimfielen.
In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts nun setzt sich auf dem ganzen abendländischen Festland eine kräftige Reaktion durch gegen die herunter- gekommenen Kursivschriften; es ist dies eine Seite der geistigen Be- wegung, die man zu bezeichnen pflegt als die karolingische Renaissance. Daß die neue sich emporringende Schrift so überraschend schnell fast überall die bisherigen Schriften verdrängen konnte, wurde dadurch ermög- licht, daß eben damals das ganze festländische und christliche Abendland sich politisch unter dem Zepter Karls des Großen einte. Wollte man von
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der entarteten Kursive los, wollte man zu klareren Schriftzügen übergehen, so konnte kein Zweifel obwalten, wo man die Vorbilder zu suchen hatte: bei den Angelsachsen, deren Schrift dem Festlande nicht unbekannt ge- blieben war: die Werke des Beda Venerabilis hatten mit dem universalen Wissen des groBen Angelsachsen auch angelsächsische Schrift in der Welt verbreitet; die irischen und angelsächsischen Missionare, namentlich Bonifatius und sein Kreis, hatten Propaganda für die Inselschrift gemacht, und schließlich: der führende Mann des Gelehrtenkreises, den Karl der Große um sich gesammelt hatte, Alkuin war selbst ein Angelsachse. Doch ist die neue Festlandschrift keine sklavische Nachahmung der angelsäch- sischen Buchstaben, sie steht durchaus selbständig neben ihnen, vielfach direkt an halbunziale Vorbilder anknüpfend. Sie hat sich, wie bemerkt, rasch das ganze christliche Festland erobert, und mit den siegreichen Scharen des normannischen Eroberers Wilhelm hat sie 1066 auch die Insel der Angelsachsen selbst gewonnen.
Das hervorstechendste Merkmal der neuen Schrift, die als karolingische Minuskel bezeichnet wird, ist die Aufgabe kursiver Verbindungen: Buch- stabe wird wieder selbständig neben Buchstaben gereiht. Das bedeutet an sich eine Verlangsamung des Schreibens gegenüber der Kursive. Die karolingische Minuskel bleibt jedoch leistungsfähig, einmal indem jetzt ein leidliich wohlerwogenes System von Kürzungen sich durchsetzt, dann aber, indem die einzelnen Buchstaben durchweg viel kleiner geschrieben werden; die karolingische Minuskel bringt Buchstaben hervor, die, soweit sie zwischen den beiden Mittellinien stehen, klein sind, viele Buchstaben da- gegen haben ausgesprochenste Ober- und Unterlängen; alles in allem sind es diejenigen Formen, die etwa den uns heute vertrauten gedruckten kleinen lateinischen oder Antiquabuchstaben entsprechen. Im Zeitalter der karolingischen Renaissance wird aber nicht nur diese neue Schrift ausgebildet; vielmehr beginnt man gleichzeitig auch die alten schönen Bücherschriften der Römer, Kapitale und Unziale, wieder zu kultivieren, und zwar werden diese würdevollen Buchstaben vornehmlich zu Über- schriften und Unterschriften, sowie zu Initialen verwendet. So erwerben sich die alten Kapitalbuchstaben also ein neues Heimatrecht in der karo- lingischen Minuskel, und noch heute halten beide Schriftarten, die an sich ja gar nichts miteinander zu schaffen haben, treu zusammen als das große und kleine Alphabet der Antiqua. Soweit in deutscher Sprache fortab Aufzeichnungen gemacht werden — ich erinnere an einige frühe Beispiele wie das Hildebrandlied oder den Heliand oder an die Straßburger Eide —, stehen keine anderen Schriftzeichen zur Verfügung als die der karolingischen Minuskel.
Das Reich Karls des Großen also hat der christlich - abendländischen Welt eine neue und schöne Einheitsschrift geschenkt, die gleichermaßen als Bücherschrift und als Urkundenschrift verwendet wurde; und diese Einheitlichkeit ds Schrifttums ist dem Abendlande erhalten ge-
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blieben, auch als schon unter Karls Enkeln die politische Einheit in die Brüche ging; in Deutschland, Frankreich, Italien, den christlichen Staaten der spanischen Halbinsel, schließlich auch in England, kurz überall wird in karolingischer Minuskel geschrieben, einerlei, ob es gilt lateinische oder nationale Laute schriftlich festzuhalten. So wissen wir, um nur eine nicht alltägliche Verwendungsmöglichkeit dieser Buchstaben zu erwähnen, von einem deutschen Missionar, der zu den Slawen kam. Um predigen zu können, obwohl er zunächst wenigstens der slawischen Sprache uhkundig war, ließ er sich Predigten in slawischer Sprache so aufschreiben, daß mit lateinischen Buchstaben die Laute der slawischen Zunge, so gut es eben ging, wiedergegeben wurden. Diese Predigten las der Missionar dann vor, natürlich ohne selbst zu wissen, was er sagte).
Im Laufe des ı2. Jahrhunderts nun bahnt sich eine Wandlung der Buchstabenformen in dem Sinne an, daß ihre schlichten Linien gebrochen werden; diesen Brechungen sind namentlich die Rundungen ausgesetzt, aber auch die Schaftenden; man bezeichnet die so etwa seit 1200 sich durchsetzende Schrift als gotische Minuskel, und dieser Ausdruck der Renaissancezeit, der eigentlich einen verächtlichen Sinn hat, trifft doch die charakteristische Eigenart dieser Schrift ausgezeichnet. Man kann die in den Buchstabenformen sich vollziehende Stilwandlung in Parallele stellen mit der sich gleichzeitig durchsetzenden Änderung des Architektur- stils: auch hier wird die schlichte Rundung des romanischen Stils ab- gelöst durch den gebrochenen gotischen Spitzbogen. Die Gotisierung der Karolingischen Buchstaben, die sich mehr oder minder im ganzen abend- ländischen Geltungsbereich der Schrift durchsetzt, bedeutet natürlich eine Verkünstelung, eine Entfernung von den Bedürfnissen, die die Praxis des Tages an die Schrift zu stellen berechtigt ist; und so vollzieht sich jetzt nach den Jahrhunderten der Schrifteinheit allerorten eine erneute Zweiung in kunstvollere Bücherschrift und schlichtere Geschäftsschrift; während die gotische Minuskel es zu oft glänzender und prunkender Ausgestaltung bringt, entwickelt sich neben ihr eine Kursivschrift. Zu den Elementen der gotischen Buchstaben gehören kleine Zierstriche an den Enden der Buchstabenschäfte: dieser Striche bemächtigt sich die Kursive und ver- wendet sie, um mit ihnen Buchstabenligaturen herzustellen. Dem Sieges- zuge der neuen Kursive ist sehr förderlich der neue billige Schreibstoff, das Papier, das — kurz nach Christi Geburt in China erfunden — im späteren Mittelalter endlich Eingang in Europa findet und das Schrift- lichwerden von Verwaltung und Rechtsprechung ermöglicht.
Also seit dem 13. Jahrhundert sind allgemein im Gebrauch gotische Minuskel als Zier- und Bücherschrift, gotische Kursive als Geschäfts- schrift, und zwar finden beide Schriften wiederum übereinstimmend Ver- wendung für alle Sprachen, für die lateinische Gelehrten- und Kultsprache und ihre romanischen Tochtersprachen ebensosehr, wie für die germa-
1) Vita Wernheri episcopi Merseburgensis, Mon. Germ. hist., Scriptores XII, 246.
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nischen Mundarten. Es ist dabei zu bemerken, daß Italien, wie es sich in der Baukunst gegenüber der Kompliziertheit nordischer Gotik ziemlich zurückhaltend verhielt, so auch im Schriftwesen stärker als die Länder nördlich der Alpen an den Formen der karolingischen Schrift festhielt.
Eine neue Weiterbildung oder eigentlich Rückbildung der Schrift- entwicklung geht nun eben von Italien aus, und zwar im Zeitalter des Humanismus und der Renaissance. Genau ebenso wie schon die karolin- gische Renaissance in der Schriftentwicklung den alten Formen der Kapitale und Unziale zu neuer Blüte verholfen hatte, so vollzieht sich jetzt eine Wiedergeburt der karolingischen Minuskel. Durch die Renaissance wurden in den Kreisen der italienischen Humanisten die lateinische Sprache und die lateinischen Klassiker zu neuem Leben erweckt; mit ihnen sollte auch die lateinische Bücherschrift in neuer Schönheit erstehen. Mit rechter wissenschaftlicher Gründlichkeit gingen die Humanisten stets auf die ältesten ihnen erreichbaren Handschriften ihrer geliebten Klassiker zurück; diese alten Handschriften boten durchweg die korrektesten Texte, sie zeichneten sich, in reiner karolingischer Minuskel geschrieben, auch durch klare schöne Schriftzüge aus, mit deren Deutlichkeit die gotischen Handschriften jüngerer Jahrhunderte nicht konkurrieren konnten. Darin allerdings irrten die Humanisten allgemein völlig, daß sie annahmen, in der karolingischen Minuskel, die sie wieder aufleben ließen, die richtige Schrift der alten Römer gefunden zu haben.
Wir bezeichnen die von den Humanisten neu gepflegte karolingische Schrift als Renaissanceminuskel. Oft ist es nicht leicht, auf den ersten Blick zu sagen, ob eine Handschrift in karolingischer oder in Renaissance- minuskel geschrieben, ob sie im II. oder im 15. Jahrhundert entstanden ist; so gut haben sich die Humanisten in den Geist der alten Schrift hinein- gedacht, die sie mit dem irrtümlichen Ehrennamen der Antiqua auszeichne- ten, während die sonst landesübliche Schrift als ‚‚gotische‘‘ gebrandmarkt wurde, gotisch im Sinne von mittelalterlich-barbarisch; denn das Gotenvolk galt als eigentlicher Zerstörer der antiken Kultur, die jetzt neu aufleben sollte.
Die Humanisten sind aber noch einen Schritt weiter gegangen: aus ihrer Schrift, der Renaissanceminuskel, haben sie sich eine Kursivschrift zurechtgemacht, die unter Festhaltung der schönen klaren Buchstaben der karolingischen Minuskel diese Einzelbuchstaben schräg stellt und miteinander verbindet.
Diese beiden neuen Schriften, die das Zeitalter der Renaissance hervor- gebracht hat, die Renaissanceminuskel und die Renaissancekursive, treten nun also neben die beiden anderen damals üblichen Schriften, die gotische Minuskel und die gotische Kursive, so daß wir also im ausgehenden Mittelalter vier Grundtypen der Schrift nebeneinander haben, die man nach zwei Gesichtspunkten sondern kann: es stehen einerseits zwei gotische Schriften und zwei Renaissanceschriften einander gegenüber; und anderer- seits: es gibt zwei Minuskelschriften, die mit Einzelbuchstaben arbeiten,
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 13
und zwei Kursivschriften, dazwischen natürlich allerlei Mischschriften. Von einer scharfen Konkurrenz, in die die Renaissanceschriften auf allen Gebieten mit den gotischen Schriften eingetreten wären, ist zunächst nichts zu verspüren: ihrer Entstehung gemäß erfreuen sich die Renaissance- schriften zunächst nur begrenzter Verbreitung: sie sind im wesentlichen beschränkt auf die lateinische Sprache, von der aus sie zögernd auch in die romanischen Sprachen Eingang finden, und sie sind weiter beschränkt dadurch, daß nur die humanistisch gebildeten Kreise sich der Antiqua- buchstaben bedienen.
An sich hätte es nun durchaus im Bereich des Möglichen gelegen, daß die herrschende Zweiheit der Buchstabenformen sich in längerer Ent- wicklung wieder irgendwie vereinheitlicht hätte: da ist aber ein Ereignis von epochemachender Wirkung dazwischengetreten, das den im Augen- blick herrschenden Dualismus von Antiqua einerseits und gebrochener Gotik oder, wie man sich zu sagen gewöhnt hat, Fraktur, andererseits ver- ewigt hat: die Erfindung der Buchdruckerkunst. Gutenberg, seine Genossen und Schüler, die mit gegossenen, beweglichen Einzellettern zu drucken be- gannen, konnten nicht im Zweifel sein, welche Schriftart sich für den Druck eignete: sie konnten ihre Vorbilder nicht in den Kursivschriften suchen, sondern nur bei den Minuskel-Biicherschriften, die ebenfalls Einzelbuchstaben neben Einzelbuchstaben stellen. Die deutschen Er- finder des Buchdrucks wählten sich unter den beiden Möglichkeiten, der gotischen Minuskel und der Renaissanceminuskel, ganz naturgemäß die allein damals in Deutschland allgemein verbreitete gotische Schrift aus; in gotischen Lettern haben sie sowohl lateinische, wie deutsche Texte ge- druckt. Die ersten ausländischen Buchdrucker sind dem deutschen Bei- spiel durchaus gefolgt, sie haben ebenfalls in gotischen oder Frakturlettern gedruckt, vielfach aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie ihre Lettern aus Deutschland, wo solche zuerst fabrikmäßig hergestellt wurden, be- zogen hatten. Auch die italienischen Drucke des 15. Jahrhunderts sind in ihrer Mehrzahl mit Frakturlettern hergestellt; aber sowie die neue Kunst einmal in Italien heimisch geworden war, begannen die Italiener, auch in Antiqua zu drucken, und es entsteht eine Gegenbewegung: den Fraktur- drucken, die sich von Deutschland aus verbreiten, arbeiten entgegen die von Italien ausgehenden Antiquadrucke. Zunächst ist das Ergebnis ein buntes Durcheinander: man druckt mit beiden Arten von Typen lateinische Texte ebenso wie Texte in romanischen und germanischen Sprachen. Es gibt auch ziemlich frühe deutschsprachige Drucke, die sich lateinischer Lettern be- dienen, so eine Ausgabe des Titurel vom Jahre 14771). Dann aber bahnt sich eine Scheidung an, und sie vollzieht sich naturgemäß folgendermaßen: Wie die Renaissanceminuskel erwachsen war durch die neubelebte Be- schäftigung mit der lateinischen Sprache, so erobert sich jetzt auch der aus der Renaissanceminuskel geborene Antiquadruck allmählich die Herrschaft
1) Worauf Tangl, Deutsche Schrift, a. a.O. 401 hinweist.
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auf dem Gesamtgebiet des Lateinischen. Die katholische Kirche, die am Lateinischen als der Kultsprache festhält, gerät damit in den Bann des Antiquadruckes, der zunächst in Italien vollständig siegt; die Antiqua er- obert sich auch die italienische Sprache und in ihrem Gefolge die anderen romanischen Sprachen. Anders ist die Entwicklung in Deutschland. Zwardie lateinische Sprache ist auch bei uns bald der Antiqua anheimgefallen; ein Mann wie Erasmus von Rotterdam ließ selbstverständlich seine lateinischen Schriften in diesen Lettern setzen. Im übrigen aber haben wir überwiegend an der Fraktur festgehalten. Die gotische Minuskel war vor der Erfindung des Buchdrucks die allein bei uns heimische Bücherschrift; die in Deutsch- land gemachte Erfindung bildete ihr den Frakturdruck nach, und so ist er zum spezifisch deutschen Druck geworden. Daß wir im 16. Jahrhundert überwiegend den radikalen Bruch mit der römischen Kirche vollzogen haben, daß wir die lateinische Vulgata zugunsten von Luthers Bibelverdeutschung außer Kurs setzten, wird nicht ohne Einfluß geblieben sein. Immerhin hat sich die uns geläufige Gleichung: Antiqua = lateinischer Druck, Fraktur = deutscher Druck erst sehr allmählich durchgesetzt. Auf ein nach mehrfacher Richtung lehrreiches Beispiel wies der verstorbene Ludwig Traube hin!): ich meine das Nachwort, das Rorarius, oder, wie der Mann eigentlich gut deutsch heißt, Rörer, zu der Ausgabe von Luthers Bibelverdeutschung geschrieben hat, die 1545 bei Hans Lufft in Wittenberg herauskam. Diese Ausgabe ist, wie nicht anders zu erwarten, in Fraktur gedruckt, aber auffallenderweise sind die großen Anfangsbuchstaben der Substantiva scheinbar ganz regellos bald in der normalen Fraktur, bald aber in der aus dem Rahmen fallenden Antiqua gedruckt; Rorarius bemerkt dazu: „Zum dritten sind zweierley Buchstaben der UA B C und der A B C- gestalt, gesetzt, dem unerfaren Leser unterscheid anzuzeigen, Das wo dieser U B C stehen, die Schrifft rede von gnade, trost etc. Die anderen ABC von Zorn, straffe etc.‘ Die merkwürdige, typographisch nicht ein- heitliche Ausstattung dieser Bibelausgabe sollte also bewirken, daß irgend jemand, der zu Gottes Wort griff, um Trost in seinen Herzensnöten zu suchen, sofort an die richtigen Stellen geriete, und nicht etwa auf ein Kapitel, in dem der racheschnaubende Jehova Schwefel und Feuer vom Himmel regnen läßt. — Vom Standpunkt der Schriftkunde ersehen wir aus dieser Bibelausstattung folgendes: Ein hochgebildeter Mann, wie es Georg Rörer war, erblickte 1545 in Antiqua und Fraktur nicht verschiedene Alphabete, sondern nur verschiedene Druckformen, von denen man er- warten durfte, daß beide den deutschen Lesern geläufig waren. Weiter ersehen wir aus dem Nachwort, daB die Schlagworte ,,deutsches Alphabet“ und ‚lateinisches Alphabet‘‘ damals noch unbekannt waren; Rörer kann sich nicht anders ausdrücken, als indem er sagt: Buchstaben der UBC und der ABC. Endlich aber ist lehrreich, daß die Stellen, in denen von Gnade und Trost die Rede ist, in Fraktur gedruckt sind, als derjenigen
1) Vorlesungen und Abhandlungen II, 8.
Deutsche Schrift und lateinische Schrift 15
Schrift, die den Deutschen bei weitem lieber und vertrauter war; die tief- gehende Abneigung gegen die Antiqua, von der die Masse unseres Volks schon damals erfüllt war, kommt auch hier zum Ausdruck.
So ist also die Fraktur und ihre kursive Schwester, die Fortbildung der gotischen Kursivschrift, zur typischen deutschen Schrift geworden; ihrer haben sich Goethe und Schiller, haben sich Bismarck und Moltke bedient. Doch ist diese Schrift auch in neuerer Zeit durchaus nicht auf Deutschland beschränkt geblieben; namentlich in den skandinavischen Reichen erfreut sie sich erheblicher Verbreitung. Auch den Engländern und Franzosen ist sie zum mindesten bekannt und wird von ihnen gern zu Überschriften verwendet. Andererseits ist die Fraktur niemals die unbeschränkte Ge- bieterin in deutschen Landen geworden. Neben ihr hat zu allen Zeiten auch die Antiqua für deutsche Texte Verwendung gefunden. Genau wie heute im 2a Jahrhundert standen auch früher die deutschen Schriftsteller oft zweifelnd vor der Frage, in welcher Schriftart sie drucken sollten, und das Für und Wider wurde mit denselben Argumenten erwogen, die in dem Schriftstreit von heute wiederkehren. Ich führe ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert an. Der bekannte Dichter Ludwig Gleim schrieb 1761 an seinen Berliner Freund Karl Wilhelm Ramler, der ein Bändchen Oden drucken lassen wollte: „Lassen Sie es doch nebst dem Text mit Lateinischen Lettern drucken; der junge Bieitkopf will es so sauber machen als möglich ist! Er ist sehr für die Lateinischen Lettern; die Franzosen, sagt er, hätten für unsere Gothischen Buchstaben einen rechten Abscheu gehabt, und alle Bücher mit Lateinischen Lettern gedruckt weggekauft‘‘!).
Ich komme zum Schlusse. Nicht von Haus aus ist die Fraktur unser nationales Eigentum gewesen — darin irren manche ihrer Verfechter —; aber niemand wird bestreiten können, daß sie in den letzten Jahrhunderten stets die vorherrschend deutsche Schrift gewesen ist. Gegen sie ist nun neuerdings in Deutschland eine starke Bewegung entfacht worden. Wir sollen uns zur Antiqua bekehren, und wenn wir es nicht freiwillig tun, sollen wir zwangsweise dazu bekehrt werden. Die Propaganda für die Antiqua saugt ihre Kräfte zu großem Teile aus der Internationalität des modernen Weltverkehrs. Das Ausland, das in tausend Beziehungen zu uns steht, empfindet es als Arroganz, daß wir uns nicht derjenigen Schrift- zeichen bedienen, die den Engländern der alten und der neuen Welt und den Romanen geläufig sind. Unsere deutsche Wissenschaft hat dem auch vielfach Rechnung getragen und in ihren deutschsprachigen Publikationen die Fraktur aufgegeben, die Antiqua eingeführt; um nur an ein dem Historiker besonders naheliegendes Beispiel zu erinnern, ist die altbekannte Sybelsche ‚Historische Zeitschrift‘, nachdem sie durch 47 Jahre im Gewande der Fraktur erschienen war, 1906 zur Antiqua übergegangen. Auch die unaufhaltsam vordringende Schreibmaschine, für deren Technik
1) H. Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur 225.
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die Fraktur bis jetzt wenigstens noch nicht recht geeignet erscheint, sorgt bei uns fiir die Verbreitung der Antiqua. Aber darum liegt noch lange kein zwingender Grund vor, die Fraktur jetzt auszurotten. Nicht nur Gefiihlsmomente sprechen fiir sie: es kann vielmehr nicht bestritten werden, daß die Fraktur sich manchen Besonderheiten unserer Sprache ungleich besser anpaßt als die Antiqua. Auch lauten die Urteile unserer Mediziner und Experimental-Psychologen überwiegend dahin, daß die Fraktur das Auge auf die Dauer weniger ermüde. Ganz besonders überzeugend ist nach dieser Richtung die Aussage des Berliner Rechtshistorikers Zeumer, der bekanntlich von dem schweren Mißgeschick betroffen wurde, langsam zu erblinden; der konnte an sich feststellen, daß in den Jahren seiner ab- nehmenden Sehkraft er noch lange in Fraktur gedruckte Bücher lesen konnte, während er die Antiqua nicht mehr bewältigte.
So meine ich, wir Deutschen, die wir beide Alphabete beherrschen, können uns dessen nur freuen. Mancher Autor wird, wenn er gewisse Worte hervorheben oder einander gegenüberstellen will, sich mit Vorteil beider Typen nebeneinander bedienen, so wie schon der alte Bibeldruck von 1545 sich diese Möglichkeit zunutze gemacht hat. Und wenn manche Schriftsteller oder Herausgeber von Zeitschriften für ihre Veröffentlichungen die Antiqua bevorzugen, so ist das auch ihr gutes Recht. Mag die Fraktur kämpfen und sich ihrer Haut wehren; erliegt sie dermaleinst der Antiqua, so ist sie eben altersschwach geworden und muß das Los mancher anderen Schriftart teilen, die vor ihr gekommen und gegangen ist. Behauptet sie sich aber weiterhin als lebensfähig, dann soll sie, die Millionen unserer Volksgenossen ein teures Gut geworden ist, uns auch nicht öder Gleich- macherei zuliebe gewaltsam geraubt werden.
Ebensowenig erfreulich freilich, wie die einseitige Propaganda für die Antiqua, ist es, wenn sich dagegen neuerdings eine ebenso radikale Gegen- bewegung erhoben hat, die nur die Fraktur für die deutsche Sprache gelten lassen will, die bei jedem in Antiqua gedruckten deutschen Text ein Geschrei erhebt von Gefährdung der allerheiligsten Nationalgüter und von würdeloser Liebedienerei vor dem Ausland. Der historisch gewordene Zustand für Deutschland ist doch zweifellos, daß bei uns beide Schriftarten nebeneinander verbreitet sind, die Fraktur gewiß an erster Stelle, aber neben ihr auch durchaus daseinsberechtigt die Antiqua; ich erblicke in diesem Nebeneinander der Schriften durchaus einen Reichtum unserer deutschen Kultur, einen Reichtum, der geschmälert würde, wenn eine der beiden Schriften zugunsten der anderen ganz unterdrückt würde. Die Frage, welche Schrift in Deutschland herrschen solle, braucht nicht im Sinne eines Entweder — Oder entschieden zu werden: die richtigeAntwort lautet: Deutsche Schrift und lateinische Schrift.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 17
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift. Von Reinhold Frhr. v. Lichtenberg.
D neuesten vergleichenden Forschungen und die Altertumsfunde zeigen immer deutlicher, daß der alte Spruch Ex Oriente lux und die Ansicht, daß alle Kultur aus dem Osten gekommen sei, auf alten Irrtümern be- ruhen. Auch das so wichtige Kulturgut der Buchstabenschrift erweist jetzt
Abb. 5. Steine mit schriftartigen Zeichen aus der Höhle von Mas d’Azil, Arizge.
seinen arischen Ursprung im Westen Europas, und zwar in uralten Zeiten, aus denen wir von den Kulturen des Orients noch keine Funde besitzen. Auch hierin ist der irrigen Phöniker-Hypothese nunmehr der Boden entzogen. In zahlreichen Gräbern Spaniens und in Dolmen Portugals fanden sich Steine, die mit merkwürdigen aus geraden Linien bestehenden Zeichen bedeckt sind. Diese an Schrift erin- | nernden Zeichen erstrecken sich nach Maßgabe ihrer Fundorte über einen sehr großen Zeitraum, nämlich von sehr alten Abschnitten der jüngeren Steinzeit in die frühe Bronzezeit, ja sogar bis in die Eisenzeit. Zu den Abb. 2. Renntierstäbe mit schriftartigen ältesten gehören die aus den portugie- m en La sischen Dolmen von Alvao, und doch haben sich in der Grotte von Mas d’Azil in Frankreich (Abb. ı) undan Renn- tierstäben von verschiedenen Fundorten Frankreichs (Abb. 2) noch ältere inschriftartige Zeichen gefunden, die uns noch weit über die jüngere Steinzeit bis in die ältere Steinzeit, also viele Jahrtausende vor unsere Zeitrechnung zurückführen. wobei höchstbezeichnender Weise eine sehr große Anzahl dieser uralten Zeichen von französischem Boden mit den etwas jüngeren von der spanischen Halbinsel vollständig übereinstimmen, was bereits allen For- schern, die auf dem Gebiete der Schrift arbeiten, aufgefallen ist!) (Abb. 3).
ij, AAV to HY b
1) Severo, Os dolmens de Traz-os-mentes in der Zeitschrift Portugalia, t. I, Oporto 1899—1903. G. Wilke, Südwesteuropäische Megalithkultur und ihre Be- ziehungen zum Orient. Mannus-Bibliothek, Heft 7, S. 55—66, Würzburg 1912. Vgl. auch Evans, Scripta Minoa, Oxford 1909, p. 3.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. f. 2
18 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
Beweist schon dieses lange Fortleben der an so-verschiedenen und weit getrennten Orten sich gleich bleibenden Zeichen, daB sie nicht miiBiger Spielerei ihr Dasein verdanken, sondern ihnen ein bestimmter geistiger Inhalt, eine Bedeutung, zu eigen sein muß, so wird dies ganz unzweifel- haft, wenn wir erkennen, daß diese Übereinstimmungen sowohl zeitlich als räumlich noch viel, viel weiter reichen.
Drei verschiedene europäisch-arische Kulturkreise sind es, in deren Schriften die Lautzeichen mit diesen vorgeschichtlichen Zeichengruppen die größten Übereinstimmungen zeigen; und diese Schriften können wir mit einer einzigen Ausnahme auch wirklich lesen.
Die drei Kulturkreise sind fol- gende: Auf der spanischen Halb- insel selbst entwickelten sich aus diesen steinzeitlichen Zeichen zwei Schriften, im Norden die soge- nannte keltiberische, im Süden die sogenannte turdetanische, die so- wohl untereinander als mit den steinzeitlichen Zeichen die größten Übereinstimmungen besitzen (vgl. die Schrifttafel). Warum der Name keltiberisch nicht ganz zutreffend ist, werde ich weiter unten zu er- läutern haben. Beide Schriftarten erhielten sich noch bis weit in die geschichtlichen Zeiten und er- scheinen auch noch auf Münzen.
Weitere auffällige Ähnlichkei- ten in der Form sind zwischen den Zeichen von Alväo (vgl. Abb. 3) Abb.3. Stein mit Schriftzeichen aus einem und den germanischen Runen
Do EN EOE LIVROS zu entdecken. Auch hier ist die große Anzahl der völlig gleiche Form aufweisenden Zeichen von aller- größter Bedeutung.
Endlich der dritte Kulturkreis, der eine Schrift mit den gleichen Formen besitzt, ist der ägäische. Die zahlreichen Inschrifttafeln von Kreta sind trotz der eingehenden Forschungen von Evans und anderen Gelehrten heute noch nicht lesbar (Abb. 4). Dagegen besaß die Insel Kypros eine der kretischen ganz ähnliche Schrift, deren Entzifferung schon vor ungefähr drei Jahrzehnten gelungen ist. Hier zeigt sich noch ein sehr bemerkens- werter Umstand; diese kyprische Schrift ist nämlich nicht wie die Runen und die keltiberische und turdetanische Schrift eine Buchstabenschrift, sondern eine Silbenschrift. Auch hierfür werde ich die Erklärung weiter unten bringen. Auch die noch unlesbare kretische Schrift muß nach der
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 19
die Anzahl der gesprochenen Laute bedeutend übersteigenden Zahl der Zeichen eine Silbenschrift gewesen sein. Einzelne dieser Zeichen finden sich auch sonst im Gebiete der ägäischen Kultur auf Gefäßen und Ton- scherben und in Troja kommen sie auf uralten Spinnwirteln vor. Aber noch weiter reicht der Einfluß dieser Schrift. Schon um 2000 v. Chr.
hatten ägäische Völkerschaften Nieder-
lassungen außerhalb ihrer Heimat in Ägyp- AM a Fe = Y7 IU * p rea =lı,, ili | I
ten begründet. Auch in diesen Ansiedlungen
wurden zahlreiche Gefäße gefunden, an H+34Nlen | HAIFA YY
deren Henkel oder Körper kurze Inschrif-
ten in ägäischer Schrift stehen, die wohl pl 5 + + III Abb. 4. Inschrift von Kreta.
entweder den Eigentümer oder den Her- steller dieser Gefäße angeben (Abb. 5). Also im Norden, ferner ganz im Westen und im Südosten Europas waren Schriften heimisch, die untereinander in der Gestalt ihrer Zeichen eine große Verwandtschaft besitzen, und zwar nicht nur in der Ge- stalt, sondern vielfach, wenn auch nicht immer, auch im Lautwerte miteinander übereinstimmen, wie wir bei Betrachtung der Schrifttafel noch erkennen werden. Daß diese Schriften nicht nur untereinander verwandt sind, sondern auch das geistige Eigentum arischer Völker sind, wird dadurch erwiesen, daß in ihnen allen die Doppelaxt in verschiedener Gestaltung als Grundlage für mehrere Zeichen auftritt.
Diese Doppelaxt ist aber ein in ee ganz Europa bis in die ältesten AY x% T TY i Y T 7 Gd Zeiten erkennbares urarisches
Wahrzeichen des als Gatte der A iW Tl H + I 1 Ww
Erde und Vater alles Lebens ge-
dachten Himmelsgottes, das uns M d + LH Z
allen als der Hammer Thors gar
wohl bekannt ist!). Abb. 5. Ägäische Schriftzeichen von Kahun In der ägäischen Schrift tritt in Ägypten.
auch noch ein zweites sinnbildliches Zeichen auf, das Hakenkreuz. Dieses
ist ein heiliges Zeichen des Lebens, das während der jüngeren Steinzeit
von den europäischen Süd- oder Ostariern erdacht wurde und ebenfalls
in ganz alten Schichten Trojas bereits auftritt. In der Bronzezeit fand
es dann, sowohl in seiner Gestalt mit vier Armen als auch in einer
anderen mit nur drei Armen, dem sogenannten Triskeles, bei allen
1) Vgl. v. Lichtenberg, Die ägäische Kultur, Leipzig ıgıı, S. ııı ff. v. Lichten- berg, Religion und Mythos, in Memnon, Bd. V, S. 225—236. O. Montelius, The Sun-God’s Axe and Thor’s Hammer, in Folk-Lore, vol. XXI, London 1910, S. 60 bis 78 und G. Wilke, Südwesteuropäische Megalithkultur usw., S. 121 ff.
2*
20 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
arischen Völkern Verwendung und wanderte außerdem, einzelne Stämme auf ihren Wanderungen begleitend, nicht nur nach Ägypten, sondern auch nach Elam im Zweistromlande, und kam dann bei den arischen Indern zu hohem Ansehen.
Sehen wir uns nun die Schrifttafel genauer an. Vorangestellt habe ich die Runen. An verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten sind manche Laute auch mit etwas anderen Formen geschrieben worden, und ich habe diese Zeichen dann stets in der betreffenden Spalte zusammen- gestellt. In der zweiten Spalte folgen die Zeichen aus den portugiesischen Dolmen von Alväo, denen ich, da sie noch unentziffert sind, auch keine Lautwerte zuschreiben konnte, ebensowenig wie der ebenfalls noch unles- baren ägäischen Schrift.
Von den Runen und den Zeichen von Alväo stimmen 18 Zeichen in der Form entweder ganz überein oder sind sich so ähnlich, daß sie offenbar auf gleiche Grundformen zurückgehen. In mehreren Spalten kommen auch Zeichen vor, die nicht nur mit einem, sondern auch mit zwei oder mehr Zeichen aus anderen Schriften Ähnlichkeiten besitzen. So hat das turde- tanische a nicht nur mit dem th der Runen Verwandtschaft im Form- gedanken, sondern auch mit der einen liegenden Form des a der Runen. Solche Zeichen sind dann auch zweimal in derselben Spalte verzeichnet.
Von ganz besonderer Wichtigkeit ist es, daß neben diesen Überein- stimmungen der Form auch zahlreiche des Lautwertes vorkommen. Das r zeigt in allen Schriften eine dem Runenzeichen verwandte Form, ebenso das k und 1. Das Zeichen, das in den Runen z zu lesen ist, hat in den anderen Schriften den nahe verwandten Wert s, im griechischen Alphabete bedeutet es ps, und selbst in der kyprischen Silbenschrift ist es als se, also eine mit s beginnenden Silbe, zu lesen. Ebenso bedeutet ein von der Doppelaxt abgeleitetes Zeichen stets o, in der kyprischen Schrift ro. Die Doppelaxt gab außerdem in mehreren Schriften auch,die Grund- form für Zeichen mit anderen Lautwerten; so z. B. in den Runen für m und diesem in der Form sehr ähnlich ist die Rune e. Ganz deutlich stellt auch im Turdetanischen das m eine Axt dar, und verwandte Zeichen, finden sich für m im Keltiberischen, im Griechischen und in der Schrift von Kypros, wo es die Silbe mi bezeichnet; daneben kehrt die Rune e im Keltiberischen, Turdetanischen und Griechischen als s wieder. Ebenso sind im Keltiberischen und Griechischen die beiden Zeichen für p und für n der n-Rune nahe verwandt. Ähnlich ist es auch mit dem Zeichen h, das in mehreren Schriften als ch, also dem h nahe verwandt, vorkommt; ferner mit th, das bei anderen Völkern zu d erweicht ist, und auch das a besitzt in vielen Schriften einander nahe stehende Formen, ebenso wie das t.
Die letzte Spalte der Tafel mit phönikischen Zeichen führt uns in den asiatisch-semitischen Kulturkreis; damit treten wir weit aus den bisher behandelten Gebieten der arischen Völker heraus, und es wird nun unsere
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Abbildung 6. Schrifttafel.
22 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
Aufgabe sein, zu untersuchen, wie auch hier die Ubereinstimmungen eine Erklärung finden können.
Zunächst fällt in der ganzen Tafel auf, daß die drei europäisch-arischen Kulturkreise, in denen sich Übereinstimmungen der Form und des Laut- wertes finden, in drei räumlich weit voneinander getrennten Landgebieten auftreten. Den beiden Übereinstimmungen nach müssen also alle drei Schriftarten einen gemeinsamen Ursprung haben, und dieser wird dort zu suchen sein, wo sich das höchste Alter nachweisen läßt, wobei dann die Gründe und Wege für die Übertragung nach anderen Ländern auch zu untersuchen sind.
Auf unserer Tafel stellen die Zeichen der Dolmen von Alväo die älteste Entwicklungsstufe dar. Aber, wie bereits gesagt, wir besitzen auf Renntier- stäben aus Frankreich noch ältere ebenfalls der Form nach gleiche Zeichen- gruppen, die bis in die ältere Steinzeit reichen. Aus Frankreich stammen also die ältesten Denkmäler. Wie erklärt sich dann die spätere Ausbreitung nach den verschiedenen Gebieten? Denn, daß die bisher beliebte Ab- leitung der europäischen Schriften von den Phönikern eine irrige und nicht länger haltbare ist, zeigt der Umstand, daß diese ältesten Denkmäler, Alväo mit inbegriffen, in Zeiten zurückreichen, aus denen wir nicht nur keine phönikischen Denkmäler besitzen, was an sich noch kein strenger Beweis wäre, sondern in denen das aus einer ziemlich jungen Rassen- mischung hervorgegangene Volk der Phöniker noch gar nicht bestand, also auch noch keine Schrift haben konnte.
Die Renntierstäbe aus Frankreich gehören der älteren Steinzeit an und fallen demnach vor die letzte Eiszeit, in der Mitteleuropa von Gletschereis bedeckt war. Vorher aber, als in ganz Europa ein warmes Klima herrschte, besiedelten die altsteinzeitlichen Vorfahren der Arier mit ihrer Kultur auch ganz Mitteleuropa. Vor den von Skandinavien her eindringenden Eismassen mußten die Mitteleuropäer sich zurückziehen und wurden so nach Süden und Westen verdrängt, so daß Mitteleuropa selbst lange Zeit unbewohnbar blieb, und Kulturreste dieser Zeit nur bis zu den Rändern des Vergletscherungs-Gebietes gefunden werden können.
Aus so alten Zeiten stammen also die ältesten Zeugen einer Schrift in Europa, d. h. aus jenen Zeiten, als die europäische Menschheit nach Frank- reich und weiter nach Spanien zurückgedrängt war. Dies ist der Grund, warum wir auch aus der nacheiszeitlichen jüngeren Steinkultur die ältesten Schriftreste aus Spanien und Portugal besitzen. Inzwischen hatte aber der Mensch, dem schwindenden Eise nachziehend, auch wieder von ganz Europa bis Skandinavien Besitz ergriffen, und so entwickelte sich auf unserem ganzen Erdteile die Kultur der jüngeren Steinzeit, die bei den weiten Länderstrecken, in denen sie herrschte, natürlich auch örtliche Unter- schiedeaufwies, dieder Ausgangspunkt für neueEntwickelungsreihen wurden.
Auf diese Weise trat schon bald die Spaltung der Arier nach Stämmen ein, und die Gebiete dieser Stämme weisen sich als besondere Kulturkreise
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 23
aus. Diese Kreise sind folgende: Im Norden war die sogenannte Megalith- kultur, die ihren Namen daher hat, daB in ihrem Bereiche die Toten in Kammern bestattet wurden, die man aus oft riesig groBen, meist unbe- hauenen Steinblécken errichtete. Der zweite Kreis ist der der Süd- oder Ostarier, der nach der daselbst herrschenden Übung, die Gefäße mit bunten Verzierungen zu bemalen, auch das Gebiet der Gefäßmalerei genannt wird.
Zwischen diesen beiden arischen Hauptkulturkreisen traten dann auch Verbindungen ein, und so entstand bald ein drittes Kulturgebiet nördlich des Balkans und der unteren Donau, das sich über große Teile des heutigen Österreichs bis Mitteldeutschland und noch westlich des Rheines erstreckte. Nach der wichtigsten Verzierung, der Spirale und dem Mäander, die auf einfarbigen Tongefäßen eingeritzt wurden, heißt dieses Gebiet in der Wissenschaft das der Spiral-Mäander-Keramik. Durch Völkerwande- rungen dehnte sich dieses Gebiet bis tief in das vorgeschichtliche Griechen- land hin aus.
Da nun während der Eiszeit die arischen Völker nach Westfrankreich und Spanien zuriickgedringt waren, diese Lander also, solange Mittel- europa unbewohnbar blieb, die wichtigste Siedelungsstätte der Arier waren, erklärt es sich leicht, daß sich in diesen Ländern die ältesten Denk- mäler mit schriftartigen Zeichen erhalten haben, aber auch, daß wir in der steinzeitlichen Kultur Spaniens nahe Beziehungen zu den Kulturen sowohl der Nord- als der Südarier wahrnehmen können.
Die Beziehungen zu den Nordariern bestehen darin, daß auch auf der spanischen Halbinsel die Dolmen, die aus riesigen Steinblöcken errichteten Grabbauten, in Gebrauch waren, und auch hier die ganze Entwickelungs- reihe von den einfachen bis zu den reich ausgestatteten Gräbern zu be- obachten ist. Die Beziehungen zu den Südariern wieder erweisen sich dadurch, daß in der Gefäßverzierung merkwürdige Übereinstimmungen mit der Gefäßmalerei der Südarier zu bemerken sind, und auch das dieser Gruppe zuerst allein eigene Hakenkreuz in Spanien ebenfalls auf alten Gefäßen erscheint.
Es ist hier nicht der Ort und würde viel zu weit führen, alle diese Überein- stimmungen nach Norden und Süden zu untersuchen; für unsere Zwecke genügt der Nachweis, daß in früher Steinzeit auf der spanischen Halbinsel die Nord und Süd trennenden Merkmale noch gemeinsam zu beobachten sind, und auch der Beginn der Buchstabenschrift hier nachweisbar ist. Dies läßt es auch verständlich erscheinen, daß sich dann sowohl bei Nord- als Süd-Ariern Schriften finden, die wenigstens in der Gestaltung ihrer Zeichen sowohl untereinander als mit den Inschriften von Alväo viele Berührungspunkte aufweisen.
Neben dieser Ähnlichkeit der Form sind aber auch einschneidende Unterschiede zwischen den beiden Schriften zu erkennen. Im Norden entwickelten sich die Runen, die eine reine Buchstabenschrift darstellen,
24 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
in der südlichen ägäischen Kultur war die Schrift, wie durch das lesbare Kyprische erwiesen wird, eine Silbenschrift. Doch auch hierfiir ist wohl eine Erklärung zu finden. Jene südarischen Stämme, die von Westen aus das Gebiet des ägäischen Meeres besiedelten, brachten mit anderen Kultur- gütern, z. B. der Gefäßmalerei, auch die Schriftzeichen mit. In ihrer neuen Heimat aber fanden sie bereits eine dort wohnhafte Bevölkerung anderer Rasse vor, der sie als neue Herrenschicht wohl ihre Kultur auf- zwangen, in Einzelheiten aber selbst Beeinflussungen erfuhren.
Die nichtarischen Völker Afrikas und Asiens hatten damals bereits mannigfache Bilderschriften erfunden, so die ägyptischen Hieroglyphen, die Keilschrift und die den Hieroglyphen sehr ähnliche kleinasiatisch- hettitische Bilderschrift. Die Wortbedeutung der Bilder dieser Schriften war inzwischen bereits zu einer Silbenbedeutung verallgemeinert.
Auf dieser Stufe fanden die einwandernden Arier die bereits früher in Ägäa angesessene Bevölkerung, und als sie dieser ihre arische Schrift mitteilten, verwandelte sich die Buchstabenbedeutung der Zeichen unter Einwirkung der Urbevölkerung anderer Rassen zu einer Silbenbedeutung. Dies war wohl um so leichter möglich, als die Arier die Schrift damals noch nicht wie die asiatischen Völker zum täglichen Gebrauche verwendeten, sondern sie benutzten die Schrift, ihrer ursprünglichen Bedeutung als Offenbarung der Gottheit entsprechend, nur zu religiösen Zwecken, so daß den einzelnen Buchstabenzeichen gleichzeitig die Bedeutung einer göttlichen Offenbarung, eines göttlichen Wahrzeichens innewohnte.
Als dann zum Teil noch während der Steinzeit, zum Teil in der Bronzezeit von Norden her nordarische Stämme nach Griechenland gelangten!), brachten sie auch die reine Buchstabenschrift, wie sie in den nordischen Runen enthalten ist, wieder mit, und da die Zeichen in der Gestalt den in Ägäa bereits üblichen nahe verwandt waren, trat eine Rückbildung der einstigen Silbenschrift zur späteren griechischen Buchstabenschrift ein. Nur auf der räumlich so fern abliegenden Insel Kypros erhielt sich die ägäische Silbenschrift bis lange in die geschichtlichen Zeiten.
Bei den uns erhaltenen kyprischen Inschriften tritt aber eine Erscheinung auf, die auch bei den nordischen Runen zu bemerken ist, und die in der Wissenschaft zu manchen Irrtümern und Mißverständnissen den Anlaß gab. In beiden so weit voneinander getrennten Schriftarten stammen die uns erhaltenen Inschriften aus verhältnismäßig jungen Zeiten. Die kyprischen Inschriften gehören sämtlich dem ersten Jahrtausende vor Christ an, die erhaltenen Runeninschriften stammen gar erst aus nachchrist- licher Zeit.
Daß es aber irrig ist, daraus auf die späte Entstehung dieser Schriften
1) Von diesen nordischen Stämmen werden einige, die Achäer, Ionier und Teukrer, schon in ägyptischen Urkunden des zweiten Jahrtausendes genannt, die letzten waren die Dorer. Die von Westen eingewanderten Südarier erkenne ich in den Pelasgern, den Pulasata der Ägypter, den Philistern der Bibel.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 25
zu schlieBen, erweist die kyprische durch mancherlei Umstande deutlich. Der eine Beweis ist die sehr große Übereinstimmung der Zeichen mit denen der um tausend Jahre älteren Inschriften von Kreta, so daß der Schluß nicht möglich ist, daß die kyprische Schrift Jahrhunderte später, nachdem die kretische längst vergessen war, in sehr gleicher Gestalt neu erfunden worden sei. Zweitens spricht auch die Sprache der kyprischen Inschriften gegen die nachträgliche Erfindung. Die Sprache ist nämlich in allen In- schriften griechisch; und hierfür ist diese Silbenschrift höchst unbequem. So wurde z. B. das Wort für König „basileus‘‘ in Silbenschrift „pa —si — le— wo —e‘‘ geschrieben, eine Schreibart, die gewiß nicht zur größeren Bequemlichkeit, zum leichteren Verständnisse und besserer Lesbarkeit der Wörter beiträgt. Daher wäre es ganz unverständlich, wenn auf Kypros, nachdem sonst die griechische Buchstabenschrift längst im Gebrauche war, diese Silbenschrift erst neu in einem griechisch sprechenden Lande er- funden worden wäre. Dies alles beweist, daß die kyprische Schrift in die- selben Zeiten wie die kretische zurückreicht, und daß beide ihre Wurzel in den so verwandten und viel älteren Zeichen Spaniens, wie z. B. von Alvao, haben.
Was aber von dem hohen Alter dieser Silbenzeichen gilt, das gilt natür- lich auch von den in der Form so sehr übereinstimmenden Runen. Auch hier spricht die Gleichheit der Gestalt für den gemeinsamen Jahrtausende älteren Ursprung. Daß Inschriften erst aus so später Zeit erhalten sind, hat seinen Grund darin, daß die Germanen wohl am längsten daran fest- hielten, die Schrift nur zur Erforschung des göttlichen Willens und zur Weihung von besonderen Geräten, wie z. B. hölzernen Speeren, an die Gottheit zu verwenden. Solche Weiheinschriften, z. B. „Thor weihe diesen Hammer“, sind uns erhalten, und auf den uralten Gebrauch, mit den Runen den Willen der Götter zu erkunden, weisen sowohl der Mythos als geschichtliche Überlieferungen.
Der Mythos erzählt uns im Hävamälliede der Edda von Odin, der auf der Suche nach höchster Weisheit neun Tage am Baume hing und dabei die Runen ersann. Nun besitzen wir wohl die Edda in einer Fassung, die offenbar erst aus christlicher Zeit stammt und überarbeitet ist; das ist aber doch sicher, daß solche uralt heidnische Züge und Gedanken nicht erst von dem christlichen Überarbeiter erfunden sein können.
Daß die Runen viel älter als unsere Denkmäler sind, geht aus Tacitus hervor, der in seiner Germania (Abschnitt r0) die Schrift der Germanen erwähnt und deren Buchstaben, also die Runen, lateinisch als ‚‚notae“ bezeichnet. Über den Gebrauch der Runen zur Schicksalserforschung berichtet Julius Cäsar in seinem Gallischen Kriege (I, 53), wo Procillus erzählt, die Sueben hätten über ihn als Gefangenen dreimal das Los ge- worfen. Und wie lange dieser Brauch sich erhielt, geht aus der Erzählung Alkuins in der Vita des heiligen Wilibrord (Abschnitt ıı) hervor, wonach der Friesenkönig Radbod wegen des Schicksales seiner christlichen Ge-
26 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
fangenen an drei Tagen dreimal das Los warf. DaB dieses Loswerfen mit Runenstäben geschah, ist sicher; auf welche Weise dies geschehen sein kann, untersucht G. Neckel!) und kommt zu dem Schlusse, daß an jedem der drei Tage je drei Runenstäbe aus den anderen herausgegriffen und über den Gefangenen geworfen wurden. Aus der Lage der Stäbe und der auf ihnen eingeritzten Runen wurde dann in einem Spruche das Schicksal als Wille der Gottheit abgelesen.
Ich erwähnte schon, daß es noch ein drittes arisches Schriftgebiet in Spanien selbst gebe, und daß sich hier zwei besondere Schriftarten, die keltiberische und die turdetanische, entwickelten, die noch in verhältnis- mäßig späten Zeiten auf Münzen vorkommen. Der Name keltiberisch ist darum nicht ganz richtig, weil die Schrift, wie wir sahen, weit in vor- geschichtliche Zeiten zurückreicht, und die Kelten erst in geschichtlicher Zeit in Spanien einrückten, die Iberer aber ein nichtarisches, kleinasia- tisches Volk waren, das niemals tief in das Innere der Halbinsel eindrang, sondern sich mit einigen Plätzen an der Südküste Spaniens und der West- küste Portugals begnügen mußte, was die von ihm hinterlassenen Gräber, die ganz anders als die arischen Dolmen errichtet sind, beweisen 2). Da dies Fremdvolk aber an der Südküste saß, lernten es die zur See kommenden Römer bald kennen und benannten die ganze Halbinsel als die iberische. Zur Zeit, aus der die Münzen stammen, waren die Kelten bereits mächtig in Spanien, und so gewinnt der Name keltiberisch dann einige Berechtigung, wenn man iberisch im Sinne der Römer nur geographisch faßt, und mit kel- tisch die Zeit bezeichnet werden soll, aus der die lesbaren Inschriften stammen.
Daß aber im Altertume das Bewußtsein des heimischen Ursprunges dieser Schriften nicht erloschen war, beweist eine Stelle des griechischen Geographen Strabo (d, 1, 6), der von den Turdetaniern berichtet, sie seien das weiseste Volk Spaniens und bedienten sich einer 6000 Jahre alten Schrift, in der sie ihre Geschichte, Dichtungen und Gesetze in Versen auf- geschrieben hätten.
Auch M. Ph. Berger3), der noch fest an den phönikischen Ursprung der Schrift glaubt, wundert sich, daß in Spanien nur Inschriften in den beiden genannten Schriftarten, aber keine einzige phönikische Inschrift zutage gekommen ist. Dann (S. 338) betont er den Umstand, daß sich die keltibe- rischen Inschriften zumeist im Norden der Halbinsel fanden, und kommt selbst zu dem Schlusse, daß diese Schrift den Weg von Norden nach Süden genommen.
Aber auch noch weiter nach Süden wirkte diese Schrift auf andere Völker. Den Dolmen gleiche Grabbauten finden sich auch an der ganzen
1) „Zur Einführung in die Runenforschung“, in Germanisch-romanische Monats- schrift, Bd. I (1909, 1. Teil, S. 7 ff., 2. Teil, S. 81 ff.).
2) Vgl. v. Lichtenberg, Kaukasische Völker in Europa, in „Memnon‘“‘, Bd. III und v. Lichtenberg, Haus, Dorf, Stadt, Leipzig 1909, S. 206 ff.
3) Histoire de l’ecriture dans l'antiquité, Paris 1891, S. 333.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 27
Nordkiiste Afrikas und beweisen, daB schon tief in der Steinzeit arische Volker von Spanien aus nach Afrika gelangten und ihre Kultur verbreiteten. In diesen afrikanischen Dolmengebieten finden wir aber auch die lybischen Volker im Besitze von Schriften, die sehr an die beiden von der spanischen Halbinsel gemahnen. Darum hat auch Severo zwei dieser lybischen Schriften in seine Tafel, auf der er die Abhängigkeit der Buchstaben- schriften von den Zeichen von Alväo ableitet, mit aufgenommen!).
Doch nicht nur nach Afrika, auch nach Asien reichte der Einflußbereich der europäischen Schrift. Schon seit jeher war die große Ähnlichkeit der phönikischen Buchstaben mit der ältesten Gestalt der griechischen auf- gefallen. Daraus zog man den Schluß, da ja Herleitung von Kulturgütern aus der Fremde leider stets einen großen Reiz ausübte, die Schrift sei von Phönikern den Griechen mitgeteilt worden. Wohl erhoben sich dagegen warnende Stimmen, doch ohne Erfolg. Der älteste dieser Warner dürfte der griechische Schriftstellet Diodor sein?2). Er erwähnt (5, 74) die An- sicht vom phönikischen Ursprunge der Schrift, setzt aber hinzu, auf Kreta meine man, die Schrift sei dort von den Musen erfunden worden, wonach die Phöniker sie ebenfalls annahmen und ein wenig veränderten.
Dies klingt wie eine Erinnerung an die uralte kretische Silbenschrift, und die Erforschung sowohl der kretischen als der kyprischen Schrift hat neuerdings auch heutige Forscher zu der Vermutung gebracht, die Sache könne umgekehrt sein, als man bisher dachte, und die phönikische Schrift eher von der griechischen abstammen. So ist der französische Forscher Dussaud zu der Überzeugung gelangt, das phönikische Alphabet stamme von einem sehr alten griechischen ab). Prätorius wieder findet für viele phönikische Zeichen den Ursprung in solchen der kyprischen Silbenschrift®). Neuerdings hat Hermann Schneider aus anderen, nämlich mythologischen Gründen die westsemitischen Schriften von der kretisch-ägäischen Schrift abzuleiten gesucht®).
Diese Ansichten werden nun wohl, nachdem wir den gemeinsamen Ursprung aller europäischen Schriften in den Zeichen der Dolmen von Alväo und in den altsteinzeitlichen Renntierstäben aus Frankreich kennen gelernt haben, zur Gewißheit erhoben. Auch die Phryger, ein arisches, den europäischen Thrakern verwandtes Volk Kleinasiens, hatten eine dem griechischen Alphabete nahe verwandte Schrift. Als die nichtarischen
1) Zeitschrift Portugalia, t. I, S. 745.
2) Sowohl die Diodorstelle als die früher erwähnte von Strabo ist abgedruckt bei Wilke, Megalithkultur. S. 6r Anm. 4 u. S. 63 Anm. 1.
3) Dussaud, Les Arabes en Syrie avant l’Islam, $.73ff., und derselbe, Les civilisations préhelléniques dans le bassin de la mer Egée, S. 297 ff.
*) Prätorius, Das kanaanäische und das südsemitische Alphabet, in der Zeit- schrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. LXIII, 1909, S. 189— 198 und derselbe, Über den Ursprung des kanaanäischen Alphabets.
5) H. Schneider, „Drei Aufsätze‘‘, Leipzig, Hinrichs, 1913; vgl. auch v. Lichten- berg, Buchstabenreihe u. Mythos, in Memnon, VII.
28 Reinhold Frhr. v. Lichtenberg
Volker Kleinasiens, z. B. die Lykier und Tyrrhener, zur Buchstabenschrift übergingen, nahmen auch sie Schriften an, die dem Phyrgischen, Griechi- schen, der Silbenschrift von Cypern und teilweise auch den Runen sehr ähnlich sind; und die Tyrhenner brachten schon vor dem Jahre 1000 v. Chr. ihre Schrift als die etruskische auch nach Etrurien in Italien mit!). Auch auf den Kleinasien vorgelagerten griechischen Inseln wurden Inschriften in kleinasiatischen Sprachen und den europäischen Schriften verwandter Schrift gefunden?). Da diese kleinasiatischen Inschriften ein sehr hohes, dem gleich zu erwähnenden Mesasteine nahe stehendes, zum Teil noch höheres Alter besitzen, wäre es, wenn die phönikische Schrift wirklich die Grundlage der griechischen bildete, doch recht merkwürdig, daß diese kleinasiatischen Völker ihre Schrift lieber aus zweiter Hand von den Griechen, als aus erster Hand von den ihnen geographisch ebenso nahe wohnenden Phönikern übernommen hätten. Bei den arischen Phrygern und Griechen wird wohl in der Schrift überhaupt nicht Übernahme, sondern Stammesverwandtschaft zugrunde liegen.
Noch bleibt aber der Weg zu untersuchen, auf dem unsere europäisch- arische Schrift zu den Semiten nach Asien gelangte. Auch dieser Weg und die Art der Übertragung können nun ganz deutlich erwiesen werden.
Bis zum Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausendes bedienten sich die Semiten der Keilschrift, also einer aus Bilderschrift entstandenen Silbenschrift. Um 850 v. Chr. tritt uns in dem sogenannten Mesasteine die erste semitische Inschrift mit Buchstaben entgegen. Es war also, wenn auch der Mesastein vielleicht nicht das älteste Schriftstück in dieser Schrift war, sondern ältere Vorläufer hatte, doch eine neue Erscheinung im semitischen Kulturkreise. Weitere Erklärungen dafür geben uns die ägyptische Überlieferung des 13. und ı2. vorchristlichen Jahrhunderts und die neuesten Ausgrabungen in Palästina.
Zn den Zeiten der ägyptischen Könige Ramses II. (1296 —ı230 v. Chr.), Merneptah (1230—1220) und Ramses III. (1198—1167) wurde Agypten vielfach durch die von Norden kommenden Seevölker beunruhigt. Die Inschriften dieser Könige nennen uns auch die Namen dieser Völker, und darunter erscheinen die uns wohl bekannten griechischen Namen der Ionier, Achäer und Teukrer. Es werden aber außerdem von den Ägyptern auch noch die Pulasata genannt, und diese sind nichts anderes als die Philister der Bibel, die Pelasger der Griechen?). Warum bedrohten diese europäischen Völker Ägypten?
1) Vgl. v. Lichtenberg, ‚‚Über gegenseitige Einflüsse von Orient u. Okzident im Becken des Mittelmeeres im Orientalischen Archiv‘, Bd. II, Heft 4.
2) Vgl. bei Berger, Histoire de l'écriture dans l’antiquite die Schrifttafeln auf S. 131— 149.
3) Vgl. dazu oben $.24 Anm.; ferner: v. Lichtenberg, Kaukasische Völker in Europa, in Memnon III, desselben, Ägäische Kultur, Leipzig ıgıı, $. 141—145 und desselben, „Einflüsse der ägäischen Kultur auf Ägypten und Palästina“. Mit- teilungen d. Vorderasiat. Ges. 1911, Heft 2, S. 28.
Ursprung und Alter der Buchstabenschrift 29
Der Grund war die dorische Wanderung. Als die Dorer von Mittel- europa aus in Griechenland einzogen, wurde daselbst der Raum zu eng. Ältere ansässige Völker wurden verdrängt, und kamen nach Osten, über Kypros und Kleinasien ausweichend, auf die Wanderung, auf der sie schließlich, da sie auch Syrien schon stark besiedelt fanden, auch für Ägypten gefährlich wurden, bis Ramses III. in einer blutigen Seeschlacht ihrem weiteren Vordringen ein Ende machte. Danach fanden drei dieser Stämme, die Achäer, Teukrer und Pelasger, auf Kypros und an der benach- barten syrischen Küste neue Wohnsitze. Im Norden besiedelten die Teukrer mehrere phönikische Küstenstädte, im Süden gaben die Pelasger- Philister dem Lande, wo sie ansässig wurden, den Namen Palästina, d..h. Land der Philister. Nach ihnen erst wanderten auch die Israeliten im Lande ein, und wie mächtig die Philister daselbst waren, zeigt der Umstand, daß noch später das Buch der Richter 13, ı berichtet, die Philister haben 40 Jahre lang die Israeliten beherrscht.
Die Ausgrabungen der letzten Jahre in den einst von den Philistern besiedelten Städten in Palästina brachten zahlreiche Gefäße zutage, deren Verzierung ganz mit den Gefäßen der ägäischen Kultur übereinstimmt, also die ägäische Heimat der Philister auch auf diesem Wege bezeugt. Die Teukrer und Philister waren aber über Kypros nach Syrien gelangt, und als Ägäer werden sie auch die ägäische Schrift, besonders in der kyprischen Ausgestaltung, in ihre neuen Wohnsitze mitgebracht und ihren Nachbarn anderer Rasse übermittelt haben, die die neue Schrift, die viel leichter und bequemer war als die schwierigere Keilschrift, gewiß gern annahmen. Dies beweist der Umstand, daß nach Ausweis des Mesa- steines etwa drei Jahrhunderte nach der Einwanderung der arischen Ägäer die phönikische Schrift bereits voll entwickelt und im allgemeinen Gebrauch bei den Westsemiten war.
Wie dann von dieser neuen phönikischen Schrift sich andere semitische Tochterschriften ablösten, ist eine Frage, die von den Forschern in semi- tischen Sprachen bereits eingehend untersucht wurde, die uns aber über die uns gesteckte Aufgabe weit hinausführen würde.
Fassen wir die Ergebnisse noch einmal kurz zusammen. Der Ursprung der europäisch-arischen Schrift geht weit hinter den aller anderen Schriften zurück; die Anfänge reichen bis in die ältere Steinzeit, Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung. Als Mitteleuropa vom Eise befreit war, bildeten sich drei Kulturmittelpunkte, in denen die Schrift weiter entwickelt wurde: Der eine auf der spanischen Halbinsel selbst, der zweite im Norden mit seinen Runen, der dritte im Südosten mit der ägäischen Silbenschrift, aus der dann durch nordischen Einfluß wieder die griechische Buchstaben- schrift entstand. Während alle nichtarischen Völker nur Bilderschriften kannten, war die arische Schrift von jeher eine Buchstabenschrift, und daß die ägäische Schrift eine Entwickelungsstufe als Silbenschrift durchmachte, hat seine besonderen Gründe, die wir oben kennen lernten. Die letzten
30 Fritz Hommel
Ausstrahlungen dieser arischen Schrift nach nichtarischen Völkern sind in Afrika die Iybischen Schriften, in Asien die phönikische Schrift mit ihren west- und süd-semitischen Zweigentwicklungen.
Unter den europäischen, arischen Schriften haben die Runen die älteste Buchstabengestalt am treuesten bewahrt, sie stellen also die älteste lesbare arische Schriftform dar.!)
Die Anordnung unseres Alphabets. Von Fritz Hommel.
Bo durch die Erfindung des Feuerbohrers und in weiterem Verlauf der Schmiedekunst steht schon der primitive Mensch weit über der Tier- welt. Wenn diese Erfindungen als die Mutter der materiellen Kultur bezeichnet werden können, so kann man ihnen die dann nachfolgende Erfindung der Schrift als die Mutter der geistigen Kultur gegenüber- stellen.
Die Schrift begann aber sicher nicht mit Buchstabenzeichen, dem sogenannten Alphabet, sondern mit Sinnzeichen (oder Wortbildern) und Silbenzeichen, die ja auch ursprünglich Worte vorstellten, wie die älteste babylonische Schrift, ferner die agyptische Hieroglyphenschrift und die noch heut gebräuchliche chinesische Schrift deutlich lehren. Das waren natürlich noch reine Bilder,die das betreffende Wort, wenn auch in rohen Umrissen, vorstellten (z. B. Türe, Vogel, Stern, Fuß, Hand usw.) oder symbolisch bezeichneten (z. B. eine Waffe für töten, Bein auch für gehen, Hand am Mund für sprechen, Stern für Himmel und Gott u. ä. m.). Schon die Verwendung solcher Bild- oder Wortzeichen auch für einzelne dem betreffenden Wort gleichlautende Silben (z. B. babylonisch im Segel, Wind, dann aber auch für jede im lautende Silbe, so in di-im-me-ir, lies dimmir ,,Gott‘‘) war eine Geistestat; erst dadurch war es ja möglich, auch rein grammatische Elemente(Vorsilben und Endungen) zu graphischem Ausdruck zu bringen. Uber diese Stufe ist beispielweise die wohl älteste Schrift, die wir kennen, die babylonische, aus deren Bildzeichen sich die sogenannte Keilschrift entwickelt hat, nie hinausgekommen; dafür hatte sie aber den Vorteil, von vornherein auch jeden Vokal zum Ausdruck zu bringen.
Erst im weiteren Verlauf, wenn vielleicht auch schon viel früher, als man gewöhnlich annimmt, wurde die großartige Abstraktion gemacht, die einzelnen Laute (zunächst die Konsonanten) auch durch einzelne Zeichen auszudrücken. Auf dieser Stufe steht das sogenannte phöni- kische Alphabet, die Mutter der griechischen und lateinischen und damit zugleich auch unserer modernen europäischen Schrift. Aber auch schon die alten Ägypter hatten ein solches ebenfalls nur die Kon-
1) Erweiterter Abdruck aus „Mitteilungen des Allgem. Deutschen Schriftvereins“' 1912.
Die Anordnung unseres Alphabets 31
sonanten bezeichnendes Alphabet, dessen alte Anordnung wir leider nicht kennen, und zwar von 24 (statt 22) Buchstaben; nur haben die Agypter den Gebrauch dieser einzigartigen Erfindung dadurch wieder abgeschwächt, daß sie daneben den ganzen komplizierten Apparat von Sinnzeichen (Ideogrammen) und Silbenzeichen beibehielten, ja mehr und mehr die einfachen Buchstabenzeichen (Laut- statt Wortbilder) überwuchern ließen. Indem ich die Frage, ob die Phöniker mit ihrem Alphabet eine Neu- entdeckung machten oder ob zwischen demselben und dem der Ägypter ein alter Zusammenhang besteht, so daß sie also dann diejenigen gewesen wären, die erst die richtige Konsequenz aus jener uralten Erfindung zogen, für heute noch offen lasse, will ich zunächst einmal nur das phönikische Alphabet mit seinem nächsten Verwandten, der südara- bischen Schrift, kurz beschreiben.
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NVA nwuwaa 7978 Abb. J: Probe der phénikischen Schrift (Zeit Salomos).
Beide etwa in gleich alte Zeit zurückgehende Alphabete, das phönikische und das südarabische (sogenannte minäo-sabäische), weisen auf ein gemeinsames Mutteralphabet, das aber der phönikischen Ausprägung näher als der südarabischen gestanden haben muß, zurück. Von den 29 konsonantischen Lauten, die die semitischen Sprachen sämtlich dereinst besaßen, drückt das phönikische Alphabet nur 22 durch besondere Zeichen aus, von denen aber wiederum vier ganz deutlich sekundären Charakter tragen, so daß also zunächst nur ı8 Zeichen in Gebrauch gewesen sein werden; das südarabische Alphabet hat dagegen auch für die übrigen Laute sich neue Zeichen geschaffen, so daß nun jeder in der Sprache existierende Konsonant bei ihnen ein besonderes Zeichen besaß. Das beiden Alphabeten zugrunde liegende Mutteralphabet, welches spätestens um 1500 v. Chr. schon dagewesen sein muß, hatte wohl nur 18 Zeichen!), drückte also nur
1) Es hatte zwar von den oben genannten vier secundären Zeichen wohl schon die Zeichen für Teth und Koph, dagegen waren höchst wahrscheinlich die Zeichen
32 Fritz Hommel
die wichtigsten Konsonanten, nicht alle feineren daneben noch existierenden Nuancen aus, etwa derart, wie wenn wir englisch zeal Eifer und seal Siegel auf ein und dieselbe Weise sil schreiben würden. Diese anfänglich noch bestehende und im phönikischen Alphabet fast ganz in Übung gebliebene Unvollkommenheit, nicht alle Laute der Sprache, vor allem nicht gewisse gerade dem Semitischen charakteristische Laute, graphisch zu bezeichnen, läßt fast die Vermutung aufkommen, daß es ein nichtsemitisches Volk
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Abb.2: Phönik. u. südarabische Schrift (links in jeder der beiden Kolumnen phon., rechts südarabisch).
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gewesen, welches dieses Mutteralphabet geschaffen hat. Der Ort, wo es entstanden, kann auch weder die phönikische Küste, noch Südarabien gewesen sein, sondern war aller Wahrscheinlichkeit nach die Gegend, wo sowohl die Phöniker alter Überlieferung nach herstammten als auch sicheren Spuren zufolge die südarabische Kultur ihre ursprüngliche Heimat hatte, nämlich die längs des Persischen Golfes sich hinziehende ost- arabische Küste, das alte Nachbarland Babyloniens Magan, wo nachweislich schon im 3. vorchristlichen Jahrtausend neben den Semiten
für Jod und Waw und ebenso die für Lamed und Resch wohl nur je ein Zeichen, was hier zu begründen nicht der geeignete Ort ist.
Die Anordnung unseres Alphabets 33
die einem ganz anderen Sprachstamm angehörenden Sumerier saßen, dasselbe Volk, welches auch in Babylonien in noch älterer Zeit neben den Semiten wohnte und dort die weit kompliziertere babylonische Bilder- schrift, aus der die Keilschrift hervorging, erfunden hat.
Ein vollkommenes Alphabet nach unserem Sinn konnte aber eine Konsonantenschrift, wo z. B. lbn (je nach dem Zusammenhang) sowohl Leben als laben und auch lieben gelesen werden konnte, noch nicht sein; erst durch die Ausprägung besonderer Vokalzeichen ist ein solches für unsere Begriffe vorhanden. Diesen weiteren großen Schritt getan zu haben,
ist das Verdienst eines indogermanischen Volkes, der Griechen, welche diese wichtige Erfindung bei der Her-
übernahme des phönikischn | “SG Alphabets etwa um 1000 v.Chr. gemacht haben. Sie verwendeten gewisse Zeichen dieses Alpha- bets, die solche semitischen Laute, welche in ihrer Sprache entweder fehlten oder doch nicht als notwendig empfunden wur- den, bezeichneten, also mit einem Worte für sie überflüssig erschienen, dazu, um die Haupt- vokale a, e, i, o und u auszu- drücken; so zwar, daß sie das Zeichen für den Kehlkopfver- a E schluBlaut (den sogenannten ee SS Spiritus lenis), der nach semi- Ga tischem Empfinden jedemVokal ne Een In im Anlaut eines Wortes oder R aoo ooo einer Silbe vorhergeht (vgl. z. B. 0 eee Wildente, genauer Wild’ente),
Abb. 3: Magan oder Ostarabien, i . > die Hei d itischen Alphabets. fiir a, das Zeichen fiir h zum e mat des westsemitischen phabets
Der vorgeschichtliche Euphrat.
A ALLO
ee fi > M Li j
Ä ot
Ausdruck des Vokals e, das Zeichen fiir j zum Ausdruck des i, das Zeichen fiir den dem indogermanischen ganz fremden Kehlkopflaut ‘Ajin fiir den Vokal o und das Zeichen für w für den Vokal u verwendeten.
Zugleich mit der Herübernahme überkamen die Griechen aber auch die feste Anordnung dieses Alphabets, die noch bis heute bei uns fortlebt (a, b, c, d, e, f usw.), von den Phönikern, und zwar mit denselben Namen. Denn die Bezeichnungen Alpha, Beta, Gamma, Delta, E usw. entsprechen genau den Namen, welche die betreffenden Buchstaben schon bei den Phönikern führten, nämlich Aleph, Beth, Gimel (ursprünglich wohl Gaml), Daleth, Hê usw. Diese Namen, die fast durchgängig, wenn auch nicht mehr in allen Fällen, eine noch ganz durchsichtige Bedeutung haben
(Aleph = Rind, Beth = Haus, Gaml = Waffenstern oberhalb der Stern-
Dr. Scheamm, Archiv fie Schriftkunde. I. !. 3
34 Fritz Hommel
bilder Stier und Widder, Daleth = Tür, H& = Himmel usw.), müssen also vor der Zeitder Entlehnung durch die Griechen, also etwa im 2. vorchristlichen Jahrtausend, den Phönikiern mitsamt der festen Anordnung der Zeichen geläufig gewesen sein; ja es spricht von vornherein alles dafür, daß sie diese Namen schon aus ihrem alten Stammland Ostarabien mitgebracht haben.
Hier mit der Frage nach dem Sinn dieser Namen und ihrer Anordnung
Stier A,A kK x Haus B, B A a Wate Ce Tp nt Cire pA A 7 a Himmel E, E = n Weg at(ElY) y 1 | 2 ww” aS wu z fp og fa NN RM 20 o $ zo) md H,H A m —,O © V J o 0.0 Age j m, P Mund Arm I, J 7 I x + mi: B ee Hand K,K J > 5 A P,R Kopf
vw z,5 urine Rae) n X T,T ete Abb. 4: Vergleichende Schrifttafel des phönikisch-hebräischen ad griechisch-lateinischen Alphabets in der alten Anordnung und mit der deutschen Ubersetzung der Namen. setzt nun am besten und am methodischsten die weit schwierigere wenn auch stets reizvoll bleibende Frage nach dem Ursprung des Alphabets ein. Ist einmal diese erste Frage befriedigend beantwortet (und das zunächst allein soll den Gegenstand dieser heutigen Ausführungen bilden), dann ist auch die Hoffnung vorhanden, das zweite Problem zu lösen.
Zunächst ist eines klar, daß jeder dieser Namen mit dem Buchstaben und Laut beginnt, den das betreffende Zeichen, dem der Name gegeben wurde, vorstellt (also wie bei uns b = be, k = ka heißt, nicht etwa wie wir m em, n en, f ef nennen, wo dem dadurch bezeichneten Laut noch ein Vokal vorhergeht); und zweitens müssen die Erfinder dieser Namen und
Die Anordnung unseres Alphabets 35
Namenreihe, die nicht die Erfinder des Alphabets gewesen zu sein brauchen, in der Form der Zeichen eine gewisse wenn auch nur entfernte Ahnlichkeit mit dem Tier oder Gegenstand, dessen Namen sie dem betreffenden Zeichen beilegten, erblickt haben. Dabei ist durchaus nicht notwendig, daB schon fiir die Erfinder des Alphabets das Zeichen fiir b ein Haus (Beth) oder das für d eine Tür (Daleth) war; die Zeichen können ursprünglich etwas ganz anderes haben vorstellen sollen, aber zu einer gewissen Zeit, wohl nachdem sie schon lange in Gebrauch gewesen und vielleicht ihre älteste Form schon mehr oder weniger umgeändert hatten, glaubte man in ihnen die uns überlieferte Bedeutung, bzw. das durch diese ausgedrückte Bild, erkennen zu sollen und gab ihnen zugleich nach einem sinnreichen System die uns ebenfalls noch überlieferte, ja von uns mit kleinen Abweichungen bis heute beibehaltene Anordnung.
Daß hierbei wirklich ein sinnreiches System zugrunde liegt, läßt sich unschwer und auch jedem Laien leicht begreiflich aufzeigen, sogar wenn wir noch nicht den Schlüssel zur Erklärung dieses Systems gefunden hätten.
Zunächst sind es einmal zwei symmetrisch aufgebaute Hälften von je 9 bzw. ıı Buchstaben, die uns dabei entgegentreten. Man vergleiche nur folgende für sich selbst sprechende Gegenüberstellung, zu der noch bemerkt sei, daß man schon im Altertum diese Zweiteilung wahrgenommen und sogar praktisch angewendet hat, indem man gelegentlich auch mit der zweiten Hälfte I, m, n usw. (daher der Ausdruck elementa statt Alphabet) statt mit der ersten das Ganze beginnen lassen konnte, ähnlich also, wie man im alten Orient das Jahr entweder mit dem Frühjahr oder aber mit dem Herbst (also mit der einen oder mit der anderen Jahres- hälfte) anfangen ließ. Ä
Aleph = Stier | Lamed = Pflugschar Beth = Haus | Mim = Wasser
Gimel = gamlu-Stern | Nün = Fisch
Daleth = Tür Samek = Himmels-Dach Hê = Himmel | ‘Ain = Auge
Waw = Drache (?) | Pi = Mund
Zain = Zwillinge (?) ! [Sade = Hirn]
[Cheth = Zaun (?)] |Koph = Hinterkopf (?)] Teth = Zisterne (?)] Resch = Kopf
Jod = Arm Schin = Urin, Regen Kaph = Hand Thau = Kreuz
Hier ist zunächst auffallend, daß gegen Schluß jeder Reihe links zwei und rechts drei Körperteilnamen (Arm, Hand; Auge, Mund, Kopf) und zwar in sogenannter chiastischer Anordnung (Arm und dann ein Teil des Arms; rechts: zwei Teile des Kopfs und dann der Kopf selbst) be- gegnen. Da rechts auf die Körperteile noch zwei andere Namen, darunter das Kreuz = Schlußmarke (als solche schon im alten Orient nachweisbar),
3*
36 Fritz Hommel
folgen, so läßt das vermuten, daß die zwei letzten Zeichen eine Art Anhang oder Unterschrift bilden, denen dann am Anfang der ersten Hälfte zwei Zeichen als Überschrift oder Einleitung entsprechen würden — was sich später durch meine von astralgeschichtlichen Erwägungen ausgehende Erklärung bestätigen wird. Auf diese Weise bliebe dann nach Ausscheidung der Einleitung und des Schlusses von je zwei Namen und der Namen der Körperteile noch folgende Gegenüberstellung übrig:
Gimel = gamlu - Stern Lamed = Pflugschar
Daleth = Tür Mim = Wasser He = Himmel Nün = Fisch Waw = Drache (?) Samek = Himmelsdach!)
Zajn = Zwillinge (?)) |
Auch hier ist, trotzdem es links fünf und rechts nur vier Namen sind, doch wiederum die Symmetrie gewahrt, da ja wegen der nur zwei Körper- teilnamen links (wofür, wie wir später sehen werden, ein ganz besonderer Grund maßgebend war) gegenüber den drei Körperteilnamen rechts ein Ausgleich sich als notwendig erwies; das links fehlende Zeichen ist also wieder eingebracht.
Eine weitere Symmetrie besteht nun darin, daB dem Waffenzeichen links fast ganz dasselbe Zeichen rechts entspricht, nur daB links die Spitze oben, rechts aber unten angebracht ist (s. das Bild auf der Tabelle, S. 34), und daß ferner dem dritten Zeichen links, das den Namen He (genauer He’) Himmel?) führt, rechts ein wieder fast gleiches Zeichen (nur um eine Stelle weiter vorgerückt, wofür der Grund später ersichtlich werden wird) mit dem ganz ähnlichen Namen Himmelsdach®) gegenübersteht.
Bevor wir nun dazu übergehen, den Schlüssel zu diesem sinnreichen
1) Auch die oben $. 35 in eckige Klammern gesetzten Zeichen, links: Cheth und Teth, rechts: Sade und Koph habe ich hier stillschweigend mitausgeschieden, da sie ganz deutlich erst sekundärer Entstehung sind, nämlich Cheth aus He mit Zufügung eines senkrechten Striches links, Teth ein Kreis mit eingeschriebenen Zeichen Thau, Sade die eine Form (alte Variante) des Zeichens Zajn mit links hinzugefügtem senk- rechten Strich und Koph einfach das ‘Ain mit durchgezogenem senkrechten Strich. Auch hierin steckt System: es sind das sämtlich Zeichen für emphatische Laute, die speziell den semitischen Sprachen eigen sind und offenbar dem Lautbestand der Erfinder fremd waren. Aber wenigstens zwei davon, Teth und Koph, müssen schon dem Mutteralphabet beigefügt worden sein, vgl. oben S. 31, A. 1), da sie fast in der gleichen Form auch dem südarabischen Alphabet eigen sind. Eingefügt sind sie in der linken Reihe unmittelbar vor den Körperteilnamen, in der rechten Reihe zwischen denselben und zwar vor dem Namen für Kopf, da Sade Hirn (und den Vogel, der aus dem Kopf des Ermordeten fliegt) und Koph Hinterkopf bedeutet.
2) Die Bedeutung steht dadurch fest, daßhai’-at (das at ist lediglich Femininendung) im arabischen „Himmel“ heißt; vgl. “ilm al-hai’at ‚Astronomie‘.
3) samak heißt „stützen“: (vgl. die vier Säulen oder Stützen des Himmels), im Arabischen aber speziell von Gott gesagt „den Himmel hoch heben“, und samk heißt arabisch Decke der Wohnung, Dach. Vgl. auch noch babylonisch simaku Cella eines Götterbildes.
Die Anordnung unseres Alphabets 37
System nachzuweisen und zwar in einer auch jedem Laien verstandlichen Form, sei noch bemerkt, daB die notwendige Voraussetzung dazu natürlich die richtige Deutung der uns überlieferten Buchstabennamen ist. Alle Ver- suche, die hierbei von falschen Übersetzungen ausgehen, sind von vornherein ganz oder wenigstens teilweise verfehlt. Unbestritten sind Aleph = Rind, Beth = Haus, Daleth = Tür, Jod = Arm, Kaph = Hand, Mim = Wasser, Niin = Fisch, ‘Ain = Auge, Pi = Mund, Resch = Kopf und Thau = Kreuz, bzw. Zeichen, SchluBmarke, also elf von den 18 (nach Ausscheidung der oben besprochenen vier sekundären. Zeichen übrigbleibenden) Buchstaben. Wenn man Lamed bisher mit Ochsen- stachel und Samek mit Stütze übersetzt hat, so war das wenigstens an- nähernd richtig; der Ochsenstachel ist gleich der Pflugschar ein spitziger Gegenstand und beide stehen zum Rind in naher Beziehung!), und auch „Stütze‘‘ war (vgl. oben S. 5, A. 3) eine wenigstens mögliche Wiedergabe von Samek, die vom Richtigen (Dach, Himmelswölbung) nicht allzuweit entfernt lag. Über die richtige Bedeutung von He’ = Himmel war schon oben das Nötige bemerkt; die Zeichen für He’ wie für Samek könnte man für ein Gitter (dann in der linken Hälfte Himmelsgitter, wozu die vorher- gehende Türe gut paßt), aber auch für einen Baum halten, was wieder auf den Himmel gehen kann, wenn man sich des Himmels- und Welten- baumes in den verschiedenen mythologischen Systemen des Altertums erinnert.
Aber grundfalsch waren die bisherigen Übersetzungen von Gimel (Vari- ante Gamel, wie griechisch Gamma beweist) durch Kamel, was allerdings arabisch und hebräisch gamal heißt, und von Schin durch Zahn (hebr. schen, arabisch sinn). Daß das Zeichen für Schin in der Be- griffssphäre des Wassers gesucht werden muß, hätte schon die Ähnlichkeit mit dem Zeichen Mim (Wasser) lehren können; zu allem Überfluß heißt hebräisch schin Woasserschlagen und schain oder schen Urin (bei den Arabern dann übertragen auf den Urin gewisser Sternhäuser = Regen). Und daß das dem Lamed (Pflugschar) so ähnliche Zeichen für Gimel kein Kamel vorstellen konnte, hätte man längst sehen können; wenn es in der chaldäischen Astronomie einen „Waffenstern‘‘ gab, der den Namen gamlu führte, so liegt das ungleich näher. Ich gab die letztere Erklärung bereits vor 14 Jahren in meinen „Aufsätzen und Ab- handlungen‘‘, S. 264, A. ı, und sie war es, die mir ein Jahr später (vgl. ebenda, S. 472f.) in Zusammenhalt mit der Aufeinanderfolge von Wasser
1) Im Hebraischen kommt ein einziges Mal das Wort milmad vor (Richter 3, 31), wo Luther Ochsenstecken übersetzt, die alte Überlieferung (LXX und Vul- gata) aber richtig Pflugschar gibt. Der Name Lamdu, wovon milmad nur eine Weiterbildung ist, kommt wahrscheinlich von einem alten Wort lahem „Rind“ (vgl. das äthiopische) her; daraus bildete man ein Wort lihamu, Feminin lihamtu, lihämdu, lämdu „Pflug‘‘ (vgl. analog babyl. tihämtu, tihamdu, tämdu Meer), und von diesem lämdu dann ein neues Verbum /amad angewöhnen (so äth.), lernen (vgl. ähnlich von alpu Rind das Verbum alipa sich gewöhnen, allapa lehren).
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und Fisch (= Wassermann und Fische am gestirnten Himmel) den rich- tigen Schlüssel zur Lösung des Ganzen an die Hand gab. Es bleiben noch Waw (Vau) und Zain (mit tönendem s wie franz. und engl. z zu sprechen) übrig, von denen das erste im Hebräischen einen Haken, in welchen man die Ringe des Vorhangs einhängt, bedeutet; das ist aber gewiß sekundär. Die richtige Deutung beider Zeichen und damit dann auch der Namen
Abb. 5; Siegelzylinder aus Susa (älteste Zeit).
wird sich uns nachher ganz von selber ergeben; alle bisher aufgestellten Übersetzungen dieser beiden Namen waren mehr oder weniger geraten. Nun zur Lösung selbst, deren Richtung eben schon angedeutet wurde. Es ist in der Tat der gestirnte Himmel, der uns denn hierbei den Weg weist, wie er schon vor viertausend Jahren beim erstmaligen Aufstellen der noch heute üblichen Anordnung der Buchstaben den Urhebern derselben der Führer war. Daß astrale Vor- stellungen den ganzen alten Orient schon von der ältesten Epoche an beherrschten, läßt sich durch eine ganze Reihe von Bei- spielen belegen und wird heute nur noch von solchen bestritten, die tatsächlich nicht mit den Quellen vertraut sind und noch in veralteten, jetzt längst über- holten Anschauungen stecken. Ich könnte einfach auf das schöne im vorigen Jahr erschienene Werk meines Freundes Alfred Jere- mias verweisen „Handbuch der altorientalischen Geisteskultur‘‘, wel- ches dafür eine Fülle von Belegen zugleich mit trefflichen mit großer Sachkenntnis ausgewählten Illustrationen bietet; aber es soll hier doch auf einiges derartige, auf wenige besonders lehrreiche Zeugen dafür kurz hingewiesen werden. In der obenstehenden Abbildung sehen wir einen uralten babylonischen, in Elam gefundenen Siegelzylinder, der in jeder der beiden Reihen von mythologischen Darstellungen, die er
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Abb. 6: Altagyptischer Siegelzylinder (sog. Zodiakus von Gezer in Südpalästina).
: Die Anordnung unseres Alphabets 39
bietet (die Abb. auch bei Jeremias, a. a. O., S. 259), Sonne, Mond und Venusstern enthält, aber auch außerdem einige Symbole aufweist, die nur astral ‚gedeutet werden können, wie die bogenschießende, auf zwei Hunden (Sirius und Prokyon) stehende Göttin oder den Skorpion in der oberen Reihe; die Anschauung, daß die Bogengöttin dem Sirius angehört, muß auch aus andern Gründen als uralt gelten, da sie der babylonischen und ägyptischen Mythologie gemeinsam ist, und da auch die Araber nur eine Seiria (al-Schi‘raj) statt eines Seirios kennen. Ähnlich finden wir aufeinem sehr alten in Gezer in Südpalästina gefundenen Siegelzylinder- abdruck (s. Abb. 6) wiederum Sonne und Mond, darunter Fisch und Skor- pion (beides bekannte Sternbilder des Tierkreises) und außerdem noch zwei Vögel, zwei Antilopen, ein Krokodil, eine Schlange, eine Vase in Gestell, daneben eine umgestürzte (also ausgegossene) Vase und noch zwei bis drei ungedeutete Symbole, wohl sämtlich Bilder einer uns noch unbe- kannten alten Variante des Zodiakus. Und wo wir sonst noch hinblicken im Bereich des orientalischen Altertums, treten uns in Bildern oder in Anspielungen, so besonders auch im Alten Testament, astrale Anschau- ungen entgegen, so daß man deutlich den Eindruck bekommt, daß das vornehmlich die Welt war, in der jene Alten lebten und heimisch waren.
Wenn wir also ein kunstvolles Anordnungssystem der Buchstaben, das zum mindesten ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurückgehen muß, vor uns haben und nach dem richtigen Schlüssel suchen, so kann der gar nirgends anders gefunden werden als in einer derartigen Vor- stellungswelt; und das um so mehr, als ja in der ersten Hälfte tatsächlich ein Sternname (gamlu) und in der zweiten Hälfte gar zwei in derselben Reihe wie am Himmel (Wassermann und Fische) aufeinanderfolgende Begriffe, nämlich Wasser und Fisch, und in beiden Hälften je ein geradezu Himmel bedeutendes Zeichen begegnen. Wir werden nun im folgenden sehen, daß sich das in ungezwungenster Weise für alle in Rede stehenden Zeichen aufzeigen läßt, und wollen dem geneigten Leser vorher nur noch kurz die Namen der zwölf Tierkreisstationen (oder „Häuser“, wie sie im alten Orient hießen), wie sie am Himmel aufeinander folgen und die Bahn für den Lauf von Mond, Sonne und den übrigen fünf Planeten!) bilden, in Erinnerung bringen. Wir beginnen hierbei mit den Stier, in welchem in der in Betracht kommenden Zeit am 2ı. März (Frühjahrs-Tag- und Nachtgleiche) die Sonne stand?), statt mit dem Widder, wie es die chal- däische Astrologie in den letzten Jahrhunderten v. Chr. zu tun gewohnt war und wie es sich noch bis in unsere Kalender, alter Gewohnheit gemäß, erhalten hat.
1) Nach ihrer Entfernung von der Erde geordnet: Mond (Umlauf 29!/, Tage), Mericur, Venus (die zwei als Morgen- und Abendstern erscheinenden und nach kurzer Zeit in den Strahlen der Sonne verschwindenden Planeten); Sonne (rund 360 Tage); Mars (2 Jahre); Jupiter (12 Jahre) und Saturn (291/2 Jahre).
2) Heut steht sie infolge der sog. Präzession bereits im Sternbild der Fische.
40 Fritz Hommel
I. Stier (inkl. Plejaden); oberhalb desselben stand der schon oben erwähnte gamlu - Stern (nach Weidner wahrscheinlich Algol im Bilde des Perseus = Marduk). Symbol: Lanzenspitze des Marduk.
2. Zwillinge: zwei Löwenköpfe auf einem einzigen Drachenhals.
3. Krebs!), aber bei den Babyloniern die ‚kleinen Zwillinge‘ (zwei nebeneinander stehende Drachen, der eine mit einem Löwenkopf, der andre mit einem Geierkopf) genannt.
4. Löwe, bei den Babyloniern auch durch einen Hund vertreten.
5. Jungfrau, mit der Ähre (Spica) in der Hand.
6. Wage, urspr. ein Joch.
7. Skorpion.
8. Schütze, urspr. ein Zentaure, in noch älterer Zeit der sog. Skor- pionsmensch.
9. Caper oder Steinbock, ein fabelhaftes Wesen mit Fischschwanz.
10. Wassermann (Aquarius), schon altbabylonisch als Mann mit -— Fischunterleib, wie er Wasser ausgieBt
(der sog. Fischmensch) dargestellt. II. Fische: zwei durch ein Band verbundene Fische. 12. Widder: bei den Babyloniern al IN a td ein Drache (vgl..den Cetus oder sog. a) nai Walfisch unterhalb des Widders) mit Abb. 7: Caper und Wassermann, dem Symbol des Gottes Nebo, einer zn toa ea ee inh auch als Schreibgriffel?) umgedeuteten 7 Pflugschar, auf dem Rücken.
Wenn eines dieser Tierkreisgestirne im Osten aufgeht, so geht sein Gegengestirn im Westen unter, weshalb man nach alt-astrologischem Brauch unter einem Tierkreisbild oft auch sein Gegenbild mitverstehen kann und es deshalb auch manchmal mit ähnlichem Namen nennt oder ihm ähnliche Symbole gibt; vgl. z. B. arabisch Jungfrau simäk und Fische samak, oder babyl.-assyrisch Kusallu der 3. Monat (Zwillinge) und Kisilimu der 9. Monat (Schütze), oder die Zwillinge zwei Löwen- köpfe (s. oben) und der Schütze ein Zentaure mit ebenfalls zwei Köpfen (einem menschlichen und einem Löwenkopf) usw. usw. So ist es hin- reichend motiviert, daß, wie wir nachher sehen werden, in der Alphabet- reihe auf jeder Hälfte nur je drei Tierkreisbilder, also zusammen nur sechs (statt alle zwölf) vertreten sind, nämlich nur die gesperrt gedruckten Stier Zwillinge Krebs Löwe Jungfrau Wage Skorpion Schütze Caper Aquarius Fische Widder weil die übrigen, als die Gegenbilder, stillschweigend mitverstanden werden konnten; sie waren auf diese Weise eben dennoch mitvertreten.
1) Diese Benennung taucht erst später auf. 2) Nach babylonischer Anschauung ist das Feld die Schreibtafel, worauf der Gott Nebo mit der Pflugschar als Griffel die Furchen = Linien zieht.
Die Anordnung unseres Alphabets 41
Nachdem der Leser nun ge- nügend orientiert ist, was von Sternbildern bei einem astro- logisch aufgebauten System zu erwarten ist, nämlich ent- weder alle zwölf Tierkreis- bilder oder aber nur sechs, und ferner entweder alle Pla- neten oder wenigstens eine Auswahl davon!), können wir nun, ohne die Gefahr mißver- standen zu werden, an die Er- klärung der beiden Alphabet- hälften gehen,
II.
Wir sahen schon oben, daß dem eigentlichen Grundstock bei der ersten Hälfte zwei all- gemeinere Zeichen als Ein- leitung vorausgestellt, bei der zweiten Hälfte zwei damit korrespondierende Zeichen als Anhang nachgesetzt wurden. Es ist also, so verführerisch das auch sonst wäre, das erste Zeichen, Aleph (Stierkopf), dem ein zweites, mehr all- gemeines Zeichen, Beth (Haus) folgt, auf keinen Fall dem Tierkreisbild des Stieres gleich- zusetzen; der Stier des Zo- diakus ist vielmehr durch den direkt über ihm stehenden gamlu- Stern, das Gimel oder Gamma, vertreten Ý (s. oben S. 40).
1) So sind z. B. auf den alt- babylonischen Siegelzylindern ge- wohnlich nur Mond, Sonne und Venusstern abgebildet; der Mond
ist auBerdem oft in doppelter Abb. 8: Babylonischer Grenzstein (ca. 1340 v. Chr.), Form, als zunehmender und als rechteHäffte. In der 3.Reihe dieWaffe des Marduk, ferner der doppel-
abnehmender Mond, dargestellt.
köpfige Drache (die sog. großen Zwillinge) und die Zwillings- drachen (die sog. kleinen Zwillinge — Krebs des Tierkreises).
42 Fritz Hommel
Darauf folgen die Zeichen Daleth (Tür) und das eine Himmelszeichen, das He (unser E), welch letzteres also kaum ein Sternbild vorstellen kann, sondern etwas anderes bedeuten muß.
Dann kommen die Zeichen Waw (von dem sich noch drei verschiedene Varianten in unsern Buchstaben F, V und Y erhalten haben) und Zajn (unser Z, von dem aber eine ältere Variante existierte, welche zufällig wie unser modernes H aussieht; das phönikische Vorbild unseres H da- gegen hatte drei Querstriche statt des einen und ist überhaupt ein ganz anderes Zeichen). In diesen beiden sind nun unschwer die beiden Zwillingssymbole der alten Chaldäer, der Drache mit zwei Köpfen und die zwei nebeneinander stehenden Drachen, zu erkennen. Wie auf den mittelbabylonischen Grenzsteinen mit ihren Sternsymbolen beide fast stets zusammen er- scheinen, der zweiköpfige Drache (die Zwil- linge) und die eng zusammengehörenden, ein einziges Bild darstellenden ‚‚kleinen Zwillinge“‘ (s.oben S. 40, unser Krebs), so folgen sich auch im phönikischen Alphabet Waw und Zajn (griechisch Digamma und Zeta, lateinisch ur- sprüngl. F und Z statt F und G). Wollte man diese Bilder durch wenige Striche andeuten, so konnte man es gar nicht anders tun als durch Y und II, welch letzteres dann leicht zu H und weiterhin (wenn man es in einem Zug schreiben wollte, zu einem liegenden Z) um- gebildet wurde!).
Wirft man nun einen Blick auf die Sternkarte Abb. 9: Many omneher ER (s. Abb. 11), so wird mansofort begreifen, warum ged eee eas demSym- Zwischen den gamlu- Stern einerseits und bol der Waffe des Marduk (im Stier) und die beiden Zwillingssymbole andrerseits (Zwil-
der Drache mit dem Symbol der Pflug- 3 schar des Nebo (Widder); in der 4.Reihe linge und Krebs) die oben noch unerklärt
links der eine der beiden sog. kleinen E Á Zwillinge (im Krebs) und die sog. großen gelassenen Zeichen Daleth und He eingescho- Zwillinge (der doppelköpfige Drache). ;
ben wurden, von denen das erstere in der rechten Hälfte überhaupt keine Entsprechung hat. (Siehe die neben- stehende Abb.). Denn zwischen beiden Gruppen geht die Milchstraße
hindurch, so daß also, wenn der Mond oder die andern Planeten ihren
1) Auch die südarabischen Denkmäler (siehe Otto Weber, Göttersymbole auf südarab. Denkm., Hilprechtfestschrift, S.269— 280) haben (vgl.Weber, $.277)die Sym- bole beider Zwillingsdrachen (YundH) nebeneinander (s. Abb. 12); vgl. dazu noch meine Ausführungen bei Mercer, The oath (Paris 1912), S. 86f, (in dem von mir ver- faBten Anhang ,,Die Schwurgéttin Esch-ghanna und ihr Kreis‘‘, Mercer, S. 43—116).
Die Anordnung unseres Alphabets 43
Weg vom Stier zu den Zwillingen nehmen, sie diese (die MilchstraBe) passieren mußten, und zwar zunächst durch eine Türe (Daleth). Die Milchstraße ist es also, welche durch das wie ein Gitter oder ein Baum aussehende Himmelszeichen He in sinnreicher Weise markiert wurde; das ist, da sie den ganzen Himmel wie ein breites Band durch- zieht, wobei sie den Zodiakus zweimal (zwischen Stier und Zwillingen und wiederum beim Schüt- zen) schneidet, eine durchaus begreifliche Über- tragung.
Lassen wir die dann (nach Ausscheidung der sekundären Zeichen Cheth und Teth) folgenden beiden Körperteilzeichen Jod und Kaph (Arm und Hand) vorderhand weg (sie bezeichnen näm- lich, wie nachher gezeigt werden wird, die Planeten Merkur und Venus) und wenden wir uns nun gleich zu den Tierkreiszeichen der zweiten Hälfte des Alphabets, wo wir nach dem S. 36 und 40 Bemerkten drei Bilder der zweiten \J Tierkreishälfte zu erwarten haben, so können >
— u
dafür nur (wiederum nach Ausscheidung der Abb. 10: Marduk mit seinem sekundären Zeichen Sade und Koph, die übri- Drachen ;inderRechten häfterden
Bumerang, eine Variante des gamlu.
gens auch vom griechischen Alphabet über Bord geworfen worden sind) die vor den Körperteilzeichen Ain, Pi und Resch stehenden Zeichen Lamed, Mim und Nün (unser L, M und N), denen noch das Himmelszeichen Samek folgt, in Betracht kommen. Dabei ist Lamed der Symmetrie mit dem ähnlich aussehenden
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Abb. 11: Die eine Hälfte des Tierkreises von Aquarius bis Zwillinge. (Beim oberen Stück der Milchstraße sollte das Zeichen für Samek statt He stehen.)
44 Fritz Hommel
Zeichen Gimel halber vorausgestellt worden!); denn da Wasser (Mim) und Nin (Fisch) doch offenbar den Tierkreisbildern Wassermann und Fische entsprechen, müßte man für den auf diese folgenden Widder, dessen Symbol die Pflugschar ist (oben S. 40, und vgl. S. 37, A. ı Lamed = Pflugschar), eigentlich ein anders eingereihtes Lamed, nämlich M, N, L (statt L, M, N) erwarten. Von L, M, N kommt übrigens aller Wahr- scheinlichkeit nach der lat. Ausdruck elementa (=Alphabet) her.
Da ferner der Symmetrie halber auch in der zweiten Hälfte ein Himmels- zeichen (Samek statt des He der ersten Hälfte) nicht fehlen durfte, so stellte man dieses, da hier die Milchstraße nicht dazwischen durchschnitt, sondern höchstens den Abschluß bildete (siehe wieder die Sternkarte),
MAMAY IYr OA XIND OB IA
DANl VAYiRolssr sole
Wiener Hof mus. XIV = Gl. 1144 (mt Erganyung )-
Abb. J2: Südarabische Schriftprobe (s. Hommel, Aufs. u. Abh., S. 144, 146 und 333 f.); links die Symbole der sog. großen und kleinen Zwillinge (vgl. oben S. 42, A. 1).
folgerichtig erst an den SchluB; also eigentlich M, N, L und Samek (grie- chisches Ksi), aber wegen der bereits begriindeten leichten Umstellung L, M, N und Samek.
Es bleiben zu näherer Besprechung und Erklärung jetzt nur noch die zwei einleitenden und die symmetrisch entsprechenden zwei das Ganze abschließenden Zeichen, also Aleph und Beth, Schin und Thau, sowie noch die fünf Körperteilzeichen (links zwei und rechts drei) übrig. Wenden wir uns zunächst zu den ersteren vier, und hier wiederum zuerst zum ersten Zeichen, dem Aleph (Stier)und dem letzten Zeichen, dem Thau (Kreuz).
Wenn ein Planet an der Spitze des”Alphabets als weitaus erster an
1) Auch auf den babylonischen Grenzsteinen des 13. vorchristl. Jahrhunderts stehen die Symbole des Stieres und des Widders, nämlich die (hier als Lanzenspitze aufgefaßte) Waffe des Marduk (eine Variante des gamlu) und die Pflugschar des Gottes Nebo, stets unmittelbar nebeneinander, mit Ausnahme natürlich der Fälle, wo nur die Lanzenspitze begegnet, die Pflugschar aber (als offenbar mit verstanden) weggelassen ist, wie z. B. auf dem Grenzstein des Königs Nazimaruttas. — Ein weiterer Grund, das L vorauszustellen, lag dann wohl auch darin, um mit dem ersten Buchstaben der ersten Hälfte wegen der ähnlichen Bedeutung (s. oben S. 37, A. i.) eine Symmetrie herzustellen. Aleph und Lahem hießen Stier, Rind,
Die Anordnung unseres Alphabets 45
Rang bei den alten Westsemiten (Phönikern, Hebräern, Arabern und Aramäern) zu erwarten ist, so kann es für die hier in Betracht kommende Zeit lediglich der Mond sein, der noch dazu oft genug gerade den Stier- kopf, d. h. eigentlich die an diesem Kopf halbmondförmig angebrachten Hörner, zu seinem Symbol hat. Also ist das Aleph hier der Mond, und zwar der zunehmende, der im Gegensatz zum abnehmenden oder un- günstigen, Regen und Sturm bringenden Mond auch als der gute Mond gilt. Und wenn am Schluß als Gegensatz hierzu ein andrer Planet zu er- warten ist, so ist es entweder nochmals der Mond, aber diesmal in seiner ungünstigen Rolle als abnehmender (der ‚„‚Knecht‘“ oder ‚kleinere Bruder“ der Astrologie), oder aber der eminent ungünstige Planet Saturn, den die Chaldäer wegen dieser Eigenschaft und auch wegen der gleichen Zahl (291/, JahreUmlaufszeit gegenüber den 291/, Tagen Umlauf des Mondes) zu- sammen mit dem abnehmenden Mond ein und demselben Gott, dem Todesgott Nergal, gleichsetzten. Wenn sie von »,9in und Nergal‘‘sprachen, dann mein- ten sie entweder den zu- und abnehmen- den Mond oder aber auch den Mond i Liev: und den Saturn. Beiden, sowohl dem Abb. 13: Das Symbol des abnehmenden abnehmenden Mond als auch dem Pla- Manses. Sa Sai ae (älteste neten Saturn (dem letzten der Planeten, EIER SE wenn man sie nach der Entfernung ordnet, s. oben $. 39, A. ı), entspricht nun das Kreuz (Thau) so vollkommen, wie man es nur irgendwie erwarten kann. Bei den Babyloniern bedeutet ďas schräge Kreuz, x, „Feind“ und „(feindlicher) Bruder‘‘, wie auch den Planeten Saturn aber auch den Mond- gott (hier natürlich dann den abnehmenden Mond) und das gerade Kreuz, +, welches ja ebenfalls eine Variante des Buchstabens Thau ist, den Saturn als „Zwillingsgott‘‘ (das ist also den einen des Zwillingspaares Sin und Nergal, nämlich den Nergal = Saturn), aber auch den ‚(Wasser)aus- gießenden Sturmwind‘“. Und endlich ist zu allem Überfluß kürzlich eine Darstellung einer alten Vase aus Susa bekannt geworden (abgebildet bei Jeremias, a. a. O., S. 99, Abb. 70), wo der abnehmende Mond A (im Gegensatz zum zunehmenden Mond, u) und innen drinn das gerade Kreuz
allapa hieß lehren, lamada lernen, und ebenso hieß alpu westsemitisch 1000 und li’mu (aus lihimu) babylonisch 1000 (vgl. auch arabisch alhama inspirieren und luhmüm große Zahl); nimmt man jede Hälfte zu 9 Buchstaben, so trifft, wenn man sie als Zahlzeichen verwendet, auf Aleph 1, auf Kaph 9, auf Lamed 10, Mim 20 usw. und auf Aleph wieder 100, auf Lamed 1000, und ähnlich, wenn man mit der zweiten Hälfte beginnt, auf Lamed I und 100, und auf Aleph ıo und 1000. Das sind alles Entsprechungen, die über den Zufall hinausgehen und die Anordnung für eine überaus frühe Zeit voraussetzen.
46 Fritz Hommel
als Symbol dargestellt ist (s. Abb. 13), dasselbe gerade Kreuz, welches uns auch schon auf andern aus Susa stammenden Denkmälern undauch aufkassitischen Siegelzylindern an Stelle des sonst üblichen Mondes begegnet war. Also das Kreuz sowohl der abnehmende Mond als auch der Planet Saturn und zugleich das Symbol für Regen und Sturm, so daß man nun auch ver- steht, wieso ihm im Alphabet das mehr allgemeine Zeichen für Regen (Schin, s. oben S. 35) unmittelbar vorangeht.
In gleicher Weise wie hier beim Abschluß ist nun aber auch beim An- fang mit dem Mondsymbol (dort dem Stier) ein mehr allgemeines Zeichen verbunden, das Beth oder Haus. Wer in der alten Astrologie Bescheid weiß, weiß auch, daß dort die Mondhäuser eine große Rolle spielen. Jedes Tierkreisbild (und in allen macht ja der Mond bei seiner Wanderung durch den Himmel Station) gilt als „Haus‘“‘ des Mondes, ja gelegentlich (personifiziert) sogar als seine Frau (babylonisch aschirtu), weil er darin zur Zeit des Neumondes mit der Sonne Hochzeit macht. Ist nun für diese großartige Sternsymphonie, die wie eine Sphärenmusik aus uralter Vorzeit noch jetzt beim Hersagen des Alphabets an unser Ohr klingt, so- bald unsere Sinne nur richtig dazu gestimmt sind, sie zu verstehen, eine passendere Ouvertüre zu finden als (zunehmender) Mond und Mond- station = Aleph und Beth, und ein treffenderes Finale als Regen und ab- nehmender Mond (bzw. zugleich Saturn) = Schin und Thau (Kreuz)?
Soweit war ich im Juni 19011). Ich wagte damals noch nicht, über die nun noch übrigen Körperteilbezeichnungen, links Arm und Hand und rechts Auge, Mund und Kopf, deren Sinn mir noch nicht klar war, mehr als eine ganz vor- sichtig in Form eines Vergleiches mit arabischen Benennungen gegebene Ver- mutung (Teile einzelner Sternbilder, aber scheinbar ohne System und mehr zur Ausfüllung hier am Schluß jeder Hälfte eingeschoben) zu äußern. Mit andern Worten, ich mußte sie noch unerklärt lassen und glaubte dennoch mit gewissem Recht, die Hauptsache, das eigentliche Prinzip der An- ordnung, entdeckt und richtig dargelegt zu haben. Da fiel mir ein Jahr später, Ende August 1902, an einem schönen sternhellen Sommerabend, als ich draußen im Freien gerade meinem ältesten Sohne die bisher ge- wonnenen Resultate auseinander zu setzen mich anschickte, die Lösung auch dieses letzten Rätsels als reife Frucht und zugleich als endgültige Bestätigung des vorher Gefundenen in den Schoß — es sind die noch fehlen- den übrigen fünf Planeten und zwar genau nach ihrer Entfernung von der Erde geordnet, also Merkur und Venus, Sonne, Mars und Jupiter. Kurz darauf teilte ich das fertige Resultat auf dem Hamburger Orientalisten- Kongreß mit?2), um es sodann 1904 in meinem ‚Grundriß der Geogr.. u. Gesch. des alten Orients‘‘ (erste Hälfte, S. 99— 104) ausführlicher, aber
1) Vgl. die Darlegung in meinen Aufsätzen und Abhandlungen, S. 472. (er- schienen Oktober 1901).
2) Siehe die Verhandlungen des XIII. internat. Orientalisten-Kongresses in Hamburg (Leiden 1904), S. 264-—266.
Die Anordnung unseres Alphabets 47
leider ohne Bilder!), den Fachgenossen und endlich im vorigen September in Stockholm in zwei von Lichtbildern begleiteten Vorträgen einem größeren Publikum (meist Lehrern und Lehrerinnen) vorzuführen?).
Die Planetensymbole (über den ersten, den Mond, und den letzten oder siebenten, den Saturn, s. schon oben) sind nun, um das noch in aller Kürze darzulegen, folgende:
2. Jod, Arm, Symbol des Merkur oder Götterboten, der die Orakel gibt; vgl. den babyl. Ausdruck id-ag-ga ‚„Armausstreckung‘‘ = Orakel.
3. Kaph, Hand, Symbol der Venus; die streichelnde, segenspendende aber auch die Waffe führende Hand als Symbol der Göttin des Abend- und Morgensterns (der Liebe und der Schlacht) ist bei den Babyloniern, Puniern (in Karthago) und Südarabern nachgewiesen.
4. ‘Ain, Au ge; über diesen Körperteil als uraltes Symbol der Sonne ist überhaupt kein Wort zu verlieren; der kreis- (nicht etwa oval-)förmige Buchstabe würde ja, wenn die Bedeutung Auge nicht durch den Buch- stabennamen überliefert wäre, viel eher von jedermann als Sonne denn als Auge gedeutet werden. Babylonier wie Ägypter nannten zudem die Sonne das Auge des Himmels.
5. Pi, Mund, war bei den Babyloniern ein Symbol des ,,feindlichen‘“ Planeten, also des Mars oder Saturn; da nun der Saturn schon durch das Thau vertreten ist, so bleibt für das Pi nur der Mars übrig. Auch den Hebräern war diese merkwürdige Übertragung bekannt, da sie die ‚Schärfe des Schwerts‘‘ durch pi-chäräb, ‚Mund des Schwerts‘‘ bezeichnen. Der Planet Mars war auch bei den Babyloniern der Kriegsgott.
6. Resch, Kopf, könnte nun, da alle andern Planeten bereits unter- gebracht sind, ohnehin nur den allein noch übrigen Jupiter bezeichnen; aber daß der Kopf wirklich das Symbol dieses Planeten war, läßt sich zu allem Überfluß auch noch direkt beweisen. Der babylonische Planet Jupiter war der Hauptgott der Stadt Babel, der Gott Marduk; er war der Stern der deifizierten verstorbenen Könige, wie der von Pater Scheil ent- deckte und auch richtig erklärte Personenname ‚‚der göttliche (König) Bür-Sin ist der Stern Marduk“ beweist, genau wie bei den Agyptern der König im Jenseits zu Osiris, der auch dort der Planet Jupiter war, ge- worden ist. Als Planetengott führte Marduk aber den Namen Sag- me-gar, d. i. „das Haupt, das Orakel erteilt“, vielleicht mit An- spielung auf das abgeschnittene Haupt des Gottes, aus dessen Blut dann, mit Erde vermischt, der erste Mensch entstanden ist. Und auch der Haupt- tempel des Marduk in Babel hieß „Haupt-erhebung‘‘, E-sag-illa.
1) In meinem Grundriß steht auf $. 100, Zeile 25 der störende Druckfehler Saturn (statt Jupiter), den leider Benzinger in seinem kurzen Referat (Hebr. Archäologie, 2. Aufl., Tübingen 1907, S. 175) mit übernommen hat.
2) Der gleiche Vortrag wurde am 4. März 1914 in einer wissenschaftlichen Sitzung der Münchener Orientalischen Gesellschaft, die auch S. Maj. Konig Lud- wig III. mit seinem allerh. Besuch beehrte, gehalten.
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So ist also die Beweiskette geschlossen und das astrologische Prinzip der Anordnung unsers Alphabets bis ins einzelne nachgewiesen. Damit ist freilich noch nicht der Ursprung desselben aufgehellt, wenn wir auch diesem komplizierten Problem durch den obigen Nachweis um ein gutes Stück näher gekommen sind; denn alles spricht nun für ein Gebiet, welches entweder Babylonien selbst war oder doch diesem Heimatgebiet der antiken Sternkunde direkt benachbart war, wie es mit Ostarabien, dem alten Aus- gangspunkt der Phöniker und Südaraber (und vielleicht auch der Ägypter) der Fall ist. Vielleicht gibt sich Gelegenheit, in einem späteren Aufsatz auf diese Frage und Ähnliches derart, so z. B. auf die verfehlten Versuche andrer, diesen Ursprung aufzuhellen, zurückzukommen. Für heute sei es mir noch gestattet, anstatt eines Widmungsblattes, diese Zeilen, die ja nicht in Buchform erscheinen, sondern nur als kurzer anspruchsloser Artikel einer Zeitschrift, Alfred Jeremias, dessen neuestes Buch ich oben rühmend erwähnen durfte, zu seinem fünfzigsten Geburtstag (21. Februar 1914) als kleines Zeichen alter Freundschaft zu weihen; er wird es, auch wenn er auf $. 19 seines Werkes sich, wohl etwas zu rasch, den 1913 erschienenen, den meinigen verwandten, Ausführungen Eduard Stuckens über ‚den Ursprung des Alphabets und die Mondstationen‘1 angeschlossen, doch gewiß mit Interesse und Freude entgegennehmen. Wenn gerade er sich jetzt nach dieser erneuten Darlegung von der Richtig- keit meiner Aufstellungen überzeugen würde, so wäre das die schönste Belohnung, die meiner Arbeit zuteil werden könnte.?)
Nachtrag.
s ist ganz interessant, daß in diesem ersten Heft auch einer von der
meinen vollständig differierenden Anschauung über die Herkunft unseres Alphabetes Aufnahme gewährt wurde. Nur wäre zu wünschen gewesen, daß der für die Europatheorie begeisterte Verfasser, dem wir unter anderem das hübsche Büchlein über die ägäische Kultur (Wissenschaft und Bildung, Nr. 83, Leipzig 1911) verdanken, auch noch aus seinem den obigen er- gänzenden Aufsatz „Buchstabenreihe und Mythos‘ (Memnon, VII, S. 84 bis 101) einige Auszüge und vor allem einige der dortigen Illustrationen dazugegeben hätte; so wäre es höchst instruktiv gewesen, wenn dem einen Schriftzeichenstein von Alvao (s. oben S. 18) auch noch der andere (Memnon, VII, Tafel IV, Abb. 8a) hinzugefügt worden wäre. Zustimmen
ı) Eine kurze Begründung, warum das allzu mechanische Vorgehen Stuckens, dessen Buch aber in andrer Hinsicht reiche Belehrung darbietet, das Ziel verfehlt hat (er läßt von den 28 Mondstationen sechs einfach unter den Tisch fallen und schaltet die bei einer Weltenuhr doch wesentlichen Zeiger, nämlich die Planeten, ganz aus), hoffe ich später noch zu geben.
2) Der J. C. Hinrichs’schen Buchhandlung sei bei dieser Gelegenheit für die gütige Überlassung der Abb. 6 und 8 bis 10 sowie noch 13 (sämtlich aus Jere- mias) der wärmste Dank ausgesprochen.
Die Anordnung unseres Alphabets. — Nachtrag 49
freilich kann ich auch dem dort Ausgeführten so wenig wie der oben ab- gedruckten mir schon von den „Mitteilungen des Allg. Deutschen Schrift- vereins‘‘ (XXII, 1912, S. 266 ff.) her bekannten Abhandlung. Ich möchte nur in aller Kürze begründen, warum mir die ganze Beweisführung un- möglich erscheint.
In erster Linie geht es nicht an, bloß auf die Ähnlichkeit einzelner Zeichen hin noch ganz unentzifferte Schriftgattungen mit einem be- kannten Schrifttypus, wie es der phönikisch-griechische ist, zu vergleichen, und noch dazu, wenn, wie es sehr wahrscheinlich ist, die verglichenen Schriften (nämlich von Alvao und die kretische), Silben- und Wortzeichen statt Buchstaben darstellen. Von den beiden Steinen von Alvao enthält der eine 17, der andere 13 Zeichen, zusammen also 30; davon sind 22 bis 24 Zeichen verschieden, von den 13 des kleineren Steines sogar alle. Be- denkt man, daß in den 48 Zeichen der von mir als Probe gegebenen phöni- kischen Inschrift nur 17 Buchstaben des 22 Buchstaben enthaltenden Alphabetes vertreten sind, und 5 gar nicht vorkommen, dafür einige der übrigen 17 mehrere Male begegnen (so M und CH 5mal, B, H, S, Sade, Kopf und Sch je 4mal), so darf man wohl sicher schließen, daß die Schrift der Alvaosteine kein Alphabet gewesen sein kann; denn es ist undenkbar, daß in den 17 + ı3 Zeichen schon das ganze Alphabet (22 verschiedene Zeichen machen ja ein primitives Alphabet aus) enthalten gewesen sein konntel). Es muß hier also eine Ideogrammen- oder Silbenschrift vor- liegen. Daß die Schrift der kretischen Tontafeln eine Silben- und Wort- zeichenschrift war, gibt Lichtenberg selbst zu. Schade, daß er nicht auch noch die elamische Nationalschrift, die mit der kretischen so auffallende Familienähnlichkeit zeigt, mit abgebildet hat ?); auch hier kommt die für die Kreter so charakteristische Doppelaxt (gewiß ursprünglich ein religiöses Symbol) in mehreren Varianten vor, wie ja auch das für die Elamiter charakteristische gerade Kreuz (vgl. oben die Abb. auf S. 45) umgekehrt auch in Kreta als Tempelsymbol gefunden worden ist?) — also gewiß ein Grund, wenigstens die Frage aufzuwerfen, ob nicht die kretische Kultur Einwirkungen von Elam (im Osten Babyloniens) her erfahren hat. |
1) Oder ein anderes Beispiel: Die in dem älteren 24 buchstabigen Runenalphabet (das jüngere hatte nur 16) geschriebene Schale von Tondern hat 32 Zeichen (in fünf Worten); von diesen 32 Zeichen sind nur 16 (also ?/, des ganzen Alphabets) verschiedene Zeichen. Die in dem ı6buchstabigen Alphabet geschriebene Inschrift von Linga (Södermanland) enthält auf 71 Zeichen 14 verschiedene; von den ersten 6Wörtern (= 31 Zeichen) sind 12 verschieden, von den letzten 7Wörtern (= 29 Zeichen) ebenfalls ı2, so daß man also wohl sagen kann, daß im Durchschnitt auf 30 Zeichen 12 verschiedene (d. i. 3/, des ganzen nur 16buchstabigen Alphabets) kommen.
2) Vgl. de Morgan’s Mémoires VI (= Pater Scheil, Textes Elamites-Sémiti- ques III), p. 8 und pl. 2 und dazu (die Inschrift ist eine Bilinguis) den Entzifferungs- versuch Carl Franks in den Abh. der Berl. Akademie.
3) Auch das mystische Svastikazeichen (urspriinglich eine Art Sonnenrad) begegnet schon auf den ältesten elamitischen Vasen.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde, 1. 1. 4
50 Fritz Hommel
Ich halte es für durchaus unzulässig, verschiedene örtlich und zeitlich so weit auseinanderliegende Schriftarten, wie die von Alvao und Kreta einer- und das phönikische Alphabet anderseits miteinander zu vergleichen, wenn man nicht durch die Zeichenwerte (die uns ja bei der einen Gruppe gar nicht bekannt sind)Anhaltspunkte dafür hat. Denn die eine Tatsache möchte ich hierbei ganz besonders betonen: daß nämlich, wo irgendwo als Strichelschrift auftretende oder zu einer solchen durch Entwicklung und Vereinfachung gewordene Zeichensysteme uns begegnen, bei Zeichen von 2, 3 oder 4 Strichen mit Naturnotwendigkeit ähnliche oder geradezu identische Formen auftreten müssen, die natürlich gar nichts miteinander zu tun zu haben brauchen (so z. B. ein Dreieck, ein Gitter, ein Haken, ein H-ähnliches Zeichen usw. usw.). Erst, wenn derartige ähnlich aus- sehende Zeichen bei räumlicher wie zeitlicher Entfernung die gleichen Werte haben, also wenn z. B. ein Gitterzeichen einen Hauchlaut darstellt, ein Dreieck einen Dental, ein Kreis einen Guttural, eine Zickzacklinie einen Zischlaut usw. usw., hat man das Recht, von einem Zusammenhang zu reden.
Nun zum Schluß noch ein Wort über das erst seit nachchristlicher Zeit bezeugte germanische Runenalphabet, was ja Lichtenberg eben- falls für seine These ins Feld führt. Hier liegt, wenn man die einzelnen Zeichen mit dem lateinisch-etruskischen Alphabet vergleicht, die Her- leitung von dem letzteren auf der Hand !); es haben nur ganz wenige Umbildungen (bzw. Neubildungen) einzelner Zeichen stattgefunden, so daß wir nicht einmal berechtigt sind, neben der (weitaus größten) Anzahl der vom lateinisch-etruskischen Alphabet entlehnten etwa ein früheres ein- heimisches Alphabet anzunehmen. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim keltiberischen und beim turdetanischen Alphabet. Daß gerade der Gott Odin (Wodan) die Runen ersonnen haben soll, hat darin seinen Grund, daß dieser Gott dem griechischen Hermes (dem lat. Merkur), dem Gott der Schrifterfindung, entspricht; vgl. den Wochentag dies Mercurii (unsern Mittwoch), Mercredi, Mercoledi, und den entsprechenden germanischen Wodanstag, engl. Wednesday. Bei der Strabostelle über die in Südspanien wohnenden Turdetanier hätte bemerkt werden sollen, daß die weitaus wahrscheinlichere Lesung &rxwv statt &xwv ist, also Gedichte und metrisch abgefaßte Gesetze von 6000 Versen Länge (statt von 6000 Jahren). Und was man endlich ägäische Schrift nennt, sind sogenannte Steinmetzzeichen, die immer nur vereinzelt vorkommen (höchst selten stehen zwei bis drei nebeneinander) und deren Bedeutung man ebenfalls nicht kennt.
Der geneigte Leser mag nun selbst entscheiden, ob man der bloß zufälligen Ähnlichkeit von Zeichen, deren Aussprache man gar nicht kennt oder die
1) Das wird noch dadurch bestätigt, daß auch die Vokalzeichen mit entlehnt worden waren; und obwohl die Germanen die Zeichen anders ordneten (Futhark usw. statt A, B, C usw.), so haben sich Reste der phönik.-griech. Ordnung dennoch bei p, r, s, t und bei m, I noch erhalten.
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. 51
sogar ganz verschiedene Werte haben!), eine solche Beweiskraft zu- messen darf, daß man deshalb die allen Analogien widersprechende und alle bisher bekannten Tatsachen auf den Kopf stellende Zickzackentwicklung (vgl. die oben S.23f. postulierte Umbildung von Alphabetzeichen in Silbenschrift und dann weiter „die Rückbildung der einstigen Silbenschrift zur späteren griechischen Buchstabenschrift‘‘), die Lichtenberg aufstellt, annehmen müßte. Ich glaube, daß bei einer unbefangenen Vergleichung unserer beiderseitigen Ausführungen die Wahl, welchem System mehr innere Geschlossenheit und Wahrscheinlichkeit zukommt, nicht schwer fallen diirfte.?)
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia. Von Dr. R. Stübe.
ie bevorstehende „Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und
Graphik“ wird uns mit den bisher wenig bekannten Schriftdenkmälern einer zentralasiatischen Kultur bekannt machen, die ohne lebendige geschichtliche Nachwirkungen verschwunden ist. Über die Träger dieser Kultur und ihr geschichtliches Dasein mögen einige Bemerkungen vorauf- gesandt werden. Aus den chinesischen Annalen erfahren wir von Kämpfen Chinas mit Völkern im Nordwesten des Reiches, unter denen im 8. Jahrh. die Hsia als bedeutende Macht hervortreten, von den Chinesen Hsi-Hsia (westliche Hsia) genannt. Seit dem 8. Jahrh. begann dieses Volk eine selbständige Rolle zu spielen, so daß im Jahre 1034 das Reich der Hsia feierlich seine Unabhängigkeit erklärte. Dieser Staat umfaßte die nörd- lichen Teile der heutigen Provinzen Kansu, Schensi und Teile Ostturkestans. Die Hauptstadt, deren Ruinen 1908 und 1909 von einer Expedition der
1) So stellt Lichtenberg auf seiner vergleichenden Tabelle zu dem aus A ent- standerien Runenbuchstaben a nicht bloß verschiedene andere Zeichen für a, h, v und s, sondern auch noch die kyprischen Silbenzeichen pa, to und lo; die kyprische Schrift hat bekanntlich für jeden Laut fünf Silbenzeichen, z. B. für m die fünf Zeichen ma, mi, me, mo und mu.
2) Meinen früheren Ausführungen im ‚„Grundriß‘‘ (1904) hat sich der bekannte Wiener Gelehrte Dr. Wolfgang Schultz im Memnon, Band III, S. 184 — 188 (in seinem geist- und inhaltreichen Aufsatz „Das Hakenkreuz als Grundzeichen des west- semitischen Alphabetes‘‘, ebenda, $. 175— 200 nebst 35 Abb. auf 4 Tafeln) rückhalts- los angeschlossen. Nur glaubt er, daß auch Daleth, He und Samek als sekundäre Erweiterung anzusehen sind, daß aber dafür das Zeichen für Teth (ein Kreis mit eingezeichnetem Kreuz) beizubehalten ist, da es das symbolische Rad des Mondes vorstelle. Der Mond wäre dann zweimal vertreten; wenn Schultz hier recht hätte, möchte ich das Teth eher für das Sonnenrad halten, das der Sonne (Ajın) gegenüber gestellt worden wäre, ähnlich wie dem zunehmenden Mond das Haus und dem Saturn (bzw. dem abn. Mond) das Regenzeichen beigesellt worden ist.
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52 Dr. R. Stübe
Kaiserl. Geogr. Gesellschaft zu St. Petersburg unter Führung des Obersten Kozlow ausgegraben wurden, war Khara-khoto an dem Flusse Khara-baischingen-gol, nahe an der Nordgrenze Chinas gelegen (etwa 4112°r nörd. Br., 100° östl. L.). Die Stadt war Sitz eines Herrschers der Hsia, der nach Angabe chinesischer Annalen tibetischer oder — nach anderen Quellen — tungusischer Nationalität war. Da die Kultur der Hsia keine heute noch lebenden Vertreter hat, so ist ihre Nationalität nur auf Grund ihrer Sprache zu erkennen. Der Staat hat bis ins 13. Jahrh. be- standen; 1226 hat der große Mongole Tschinghiz-chan dieses Reich zerstört.
Von der Kultur der Hsia zeugt nun eine Fülle von Schriftdenkmälern. Nahe bei Kharo-khoto fand Oberst Kozlow einen Stupa — ein indisches Heiligengrab, das wahrscheinlich zu Ehren eines buddhistischen Lama richtet war. Aus dieser Stätte stammt ein Fund von seltenem Umfang und großer Bedeutung. ‚Die Expedition hat Tausende von vollständigen Büchern und eine Menge von Rollen, Heften sowie einzelnen Blättern gefunden, dazu Hunderte von Darstellungen Buddhas in Malerei und Skulptur.‘ (Kozlow in den „Izwjestija Imperatorskago Russkago Geograf. Obschtschestwa, Bd. XLIV, S.429“). Diese Massen, die sich heute in Peters- burg befinden, beweisen, daß der Buddhismus in der Form des mongo- lischen Lamaismus im Reiche der Hsia herrschte, daß wir hier also indische Kultureinflüsse neben den chinesischen annehmen müssen. Die erwähnten Malereien und Skulpturen bestätigen das. Die aus Tibetern, Chinesen und Türken gemischte Bevölkerung gehörte dem Buddhismus an, der von den Herrschern begünstigt wurde.
Das Schriftsystem der Hsia wurde geschaffen, als sich die Dynastie der Hsia selbständig machte; es bestand etwa 200 Jahrhunderte bis zum Untergang des Reiches. Als Denkmäler kommen sehr verschiedenartige Aufzeichnungen in Frage. Es diente im diplomatischen Verkehr sowie zur Niederschrift von Annalen, vor allem sind buddhistische Texte ins Hsia übersetzt worden.
Bevor durch Kozlows Ausgrabungen ganze Massen an Hsia-Literatur wieder ans Tageslicht kamen, kannten wir nur wenige Hsia-Denkmäler. Der erste Europäer, der über die Schrift der Hsia berichtet hat, war der eng- lische Sinologe A.Wylie!). Er hat eine insechs Sprachen und Schriftarten aufgezeichnete buddhistische Inschrift, die freilich nur aus sich wieder- holenden religiösen Formeln besteht, untersucht. In ihr erscheinen nebeneinander Chinesisch, Hsia, Uigurisch, mongolische Quadratschrift, Tibetisch, Devanagari. Sicher ist dieses Dokument ein merkwürdiges Zeugnis für die Völker- und Kulturmischung im Reiche der Hsia. Die Schrift der Hsia wird von Wylie mit den Namen eines Stammes als die der Niü-tschi bezeichnet. Ein Syllabar der Schrift hat Wylie aufgestellt, doch scheint es noch nicht zu genügen. Auch fehlt bisher eine gute Kopie
1) On an ancient Buddhist Inscription at Keu-yung-kwan in North China. Journ. of the Royal Asiatic Society, New Series, vol. V, 1871, p. 14—44.
Archiv fiir Schriftkunde. Heft 1.
Hsi-Hsia-Chinesisches Glossar.
Die Schriftdenkmäler der Hsi-Hsia 53
dieser sechssprachigen Inschrift von Tschiu-yung-kuan, da Wylie eine moderne Abschrift gibt, die allzuklein ist.
Sodann haben wir eine viersprachige Inschrift ausMo-kao -ku in Hsia, Devanagari, tibetischer und mongolischer Quadratschrift.
' Eine zweisprachige (chinesisch-tangutische) Inschrift stammt aus einem buddhistischen Tempel in Liang-tscheu (Kansu)!).
| Das weitaus umfassendste Dokument der Hsia-Literatur ist eine Pracht- handschrift, von der die Kgl. Bibliothek fünf Bände besitzt, während der Rest noch in Privatbesitz ist. Es ist eine Handschrift von seltener Schön- heit; der Grund ist dunkelblau gefärbt, die Zeichen sind in mattem Gold geschrieben. Goldene Zierleisten und Ornamente bezeugen die . große Sorgfalt, die auf Herstellung der Handschrift verwandt worden ist. Bisher ist die Handschrift nicht entziffert; da ihr aber chinesische „Zungen“, d. h. Titelstreifen beigegeben sind, so ist es möglich, die Bandzahlen und den Inhalt zu bestimmen. Es liegt hier die Übersetzung eines indischen und zwar buddhistischen Werkes, des Saddharmapundarikasütra, vor. Die Schönheit der Ausführung bekundet, daß es im Reiche der Hsia eine Stätte gab, wo auch die Buchkunst gepflegt wurde, wo es ge- schulte Kalligraphen gab. Wahrscheinlich war es ein budhhistisches Kloster, das wir mutmaßlich bei Kharo-khoto suchen dürfen. Eine far- bige Reproduktion einzelner Teile dieser Handschrift wird der Ver- fasser in der zentralasiatischen Abteilung der Leipziger Buchgewerbe- ausstellung durch die gütige Unterstützung der Kgl. Bibliothek zu Berlin vorlegen können.
Die Frage nach der Herkunft der Schrift und ihre Entzifferung sind außer in der oben genannten Arbeit Dev£rias behandelt von S. W. Bu- shell?) und von G. Morisse?). Devéria und Bushell meinen, daß die Hsia-Schrift ein selbständiges System sei; Morisse gibt eine Liste der Zeichen, die mit Hilfe der chinesischen Ubersetzung des Hsia-Tex- tes nach Lautwert und Bedeutung erkannt sind, sowie derjenigen Zei- = chen, deren Bedeutung erschlossen, aber deren Lautwert noch nicht er- kannt ist.
Ganz erheblich ist sodann die Kenntnis des Schrifttums der Hsia durch den groen Fund Kozlows bereichert worden. Die Arbeit an der Ent- zifferung und der sprachlichen Forschung ist zumal durch den russischen
1) G. Devéria, Stèle Si-Hia de Leang-Tcheou (Journal Asiatique. IX. série, tome XI, p. 53—74). Devéria, L'écriture du royaume de Si-Hia ou Tangout (Mémoires présentés par divers savants à l’Acad. des Inscr. et Belles-Lettres, 1901. I. Partie, Tome XI, p. 147—175.)
2) The Hsi-hsia Dynasty of Tangut. Journ; of the China-Branch of the Royal As. Soc. 1895—96, vol. 30.
3) Contribution préliminarire a l'étude de l’écriture et de la langue Si-Hia. (Mémoires présentés par div. savants a l'Acad. des Inscr. et B.-L. Prem. Série, Tome XI, 1978, p. 313— 379.)
54 Dr. R. Stübe
Sinologen Prof. A. Ivanov gefördert worden.!) Die Funde Kozlows um- fassen Texte in chinesischer, tibetischer und in der Hsia-Sprache. Es haben sich, soweit der Fund von Prof. Ivanov bisher durchgearbeitet ist, Texte aus den kanonischen Büchern der Chinesen, aus chinesischen Philo- sophen (Lao-tse und Tschuang-tse), zahlreiche chinesische Übersetzungen buddhistischer Texte und Stücke von offiziellen Dokumenten aus den politischen Beziehungen zwischen China und dem Staat der Hsia ge- funden. Die tibetischen Texte sind wohl ausnahmslos religiösen Inhalts. Die Hsia-Texte sind teils religiös-buddhistischen teils historischen Inhalts, soweit chinesische Beischriften die Bestimmung ihres Charakters ermög- lichen. ’
Von ganz besonderem Interesse für uns ist aber e i n e Handschrift, an die sich die Hoffnung, Schrift und Sprache der Hsia näher zu erkennen knüpft. Im Jahre 1189 hat ein gewisser Ku-lé ein Buch verfaBt, das seinem Volke, den Hsia, die Erlernung des Chinesischen erleichtern sollte. Er begriindet dieses Unternehmen mit dem interessanten Satze: ,,da das Sichnicht- verstehen der Völker die Verbreitung geistiger Kultur hindert“. Das Buch führt den langen Titel: „Fan-han-h&-schih-tschang- tschung-tschu“ (d.i. „die auf der Handfläche liegende, zeitgemäße, den Chinesen und dem Volke Fan angehörige Perle‘).
Der Inhalt dieser ‚Perle‘ ist freilich recht dürftig. Es ist nichts anderes als ein knappes Wörterverzeichnis und eine Sammlung von Redewendungen, die im täglichen Verkehr vorkommen. Das Buch entspricht also kaum den dürftigsten Sprachführern, die bei uns dem Publikum geboten werden. Das Wörterverzeichnis ist in diesem Glossar geordnet nach sachlichen Gesichtspunkten: Himmel und Himmelserscheinungen, Jahreszeiten, Erde, Meer, Himmelsgegenden, Verwandtschaftsgrade, Körperteile, Gebrauchs- gegenstände, Tiere, Pflanzen, Begriffe, Adjektiva, Verba, Zahlen.
Das Glossar gibt nicht nur die chinesische Übersetzung, sondern (in chinesischen Zeichen) auch die Umschrift der im Hsia lebenden Laut- gestalt der Worte. Freilich stehen der Verwertung der chinesischen Transkription einer fremden Sprache gewisse Schwierigkeiten im Wege. Nicht immer ist der Lautwert der Hsia-Zeichen mit Hilfe der chinesischen — zumal für den Auslaut — sicher zu ermitteln. Vor allem kann sich die chinesische Lautform der chinesischen Worte seit dem 12. Jahrh. geändert haben. Indes weist Ivanov darauf hin, daß sich mit Hilfe der mongolischen Quadratschrift, alttürkischer und uigurischer Inschriften feststellen läßt, daß die heutige Lautform des Pekinger Dialektes sich nicht wesentlich von der chinesischen Lautform des ıı. und 12. Jahrh. entfernt hat. Wenigstens
1) A. J. Ivanov, Zur Kenntnis der Hsi-hsia-Sprache, mit ı Tafel, St. Peters- burg 1909 (Bulletin de Acad. Imper. des Sciences de St. Petersbourg 1909, p. 1221 bis 1233.) A. J. Ivanov, Dokumenty iz goroda Khara-khoto, I. St. Petersburg 1913. (Daselbst 1913, p. 811—816.)
Die Schriftdenkmiler der Hsi-Hsia 55
hat der Pekinger Dialekt die Konsonanten erhalten (nur k wird ts, ch wird k, und s wird h).
Der Blockdruck, in dem unser Glossar ausgefiihrt ist, scheint so an- gelegt zu sein, daB links (als erstes Zeichen einer Kolumne) das Hsia- Zeichen steht. Dann folgt das entsprechende chinesische Wort, also die Übersetzung (in der Mitte), rechts steht in chinesischer Schrift die Wiedergabe der Lautgestalt des Hsia-Wortes. Wir finden z. B. auf der ersten Zeile der linken Kolumne ein Hsia-Zeichen, das durch das chinesische A (jin) „Mensch“ übersetzt wird, dann folgt die Umschrift in der chinesischen Umschrift Æ JÈ (tzu-ni). Die annähernde Richtig- keit der chinesischen Umschrift wird dadurch gesichert, daß sich aus ihr zahlreiche Worte der Hsia-Sprache ergeben, die im Tibe- tischen (oder Mongolischen) sehr ähnlich lauten. Damit erfassen wir den Charakter der Hsia-Sprache, des Tangutischen; es wird seine nächsten Verwandten in nordtibetischen Dialekten haben.
Woher aber stammt die Schrift? Daß sie in ihrem typischen Eindruck der chinesischen ähnlich ist, liegt auf der Hand. Zugleich aber decken sich die Hsia-Zeichen in ihren Elementen jedenfalls nicht mit den begriff- lich entsprechenden Worten des Chinesischen. Und doch wird die Hsia- Schrift nicht unabhängig von der chinesischen sein. Es ist nicht ausge- schlossen, daß hier eine „Erfindung“ vorliegt, beider Elemente der chinesischen Schrift benutzt, aber ganz frei verwertet sind, so daß diese Schrift — übrigens wie die chinesische eine Wortschrift — für die Hsia-Worte völlig neue Gestalten gebildet hat. Dieses Problem aber ist noch nicht völlig gelöst. Ich darf hoffen, später in diesem Blatte von einer fortgeschrittenen Entzifferung der Hsia-Schrift berichten zu können.
Mitteilungen.
Stenographiermaschine. Am 24. November 1912 wurde von Frau K. Stobbe, Charlottenburg und Herrn E. Wilkendorf, Coswig-Anh. das Deutsche Patent für eine „Schreibmaschine für Kurzschrift‘‘ nachgesucht und vom Kaiserlichen Patentamt am 9. Dezember 1913 unter Nr. 268836 erteilt. — Bei der Erfindung dieser Steno- graphiermaschine wurde, wie uns mitgeteilt wird, von dem Gedanken ausgegangen, daß das Hoch- und Tiefstellen der Zeichen, sowie der Druck maschinell nicht durch- zuführen seien, wie dies auch schon mehrfache Versuche bewiesen hatten. Es wurde deshalb dazu übergegangen, die Vokale durch de verschiedene Fär- bung der Konsonanten anzuzeigen. Selbstverständlich sind aber auch die Vokale als solche auf der Maschine vertreten, was sich schon wegen vorkommender Vokal- häufungen der Um- und Doppellaute als notwendig erwies. So ist demnach ein in der Farbe des e geschriebenes a = ä, ein in der Farbe des u geschriebenes a = au usw.; ebenso zeigen die Zahlen durch ihre Färbung ihre Einer-, Zehner- usw.-Stellung an. Ferner ist noch jedem stenographischen Zeichen in jeder Farbe alleinstehend ein Sigel zugeteilt. Da die Maschine gleich jeder gewöhnlichen Schreibmaschine
56 Mitteilungen
über 2mal 42 = 84 Zeichen verfiigt, so ergibt das auch nach Abzug der Zahlen und der Interpunktionszeichen eine groBe Anzahl von Sigeln. Wenn nun auch zugegeben werden muß, daß die Menge der Sigel das Erlernen der Maschinen- stenographie erschwert, so ist dem einerseits entgegenzuhalten, daß sich ein großer Teil der Siegl von selbst ergibt, so z. B. ein m in der Farbe des a = am, ein m in der Farbe des i = im, ein m in der Farbe des u = um usw., und daß andererseits die Stenographiermaschine auch bei noch nicht vollständiger Beherrschung der Sigel doch schon in bezug auf die Schnelligkeit ein bedeutendes Übergewicht über die handschriftliche Stenographie hat. Je vollkommener der Maschinen- stenograph das Siegelsystem beherrscht, um so glänzendere Leistungen wird er aufweisen können. Die Maschine ist, wie schon nach Vorstehendem zu vermuten, mit einem fünffarbigen Farbband versehen, das in der Ruhelage mit dem Mittel- streifen in Schwarz für e arbeitet; für die anderen vier Farben wird das Farbband für je zwei gehoben bzw. gesenkt. Zum Heben und Senken des Farbbandes ist eine patentierte Hebelvorrichtung angebracht, die mittelst der in der Tastatur liegenden Farbbandtasten bedient wird. Dem Maschinensystem, das natürlich einer besonderen Ausarbeitung bedurfte, sind in erster Linie die Zeichen Gabelsbergers zugrunde gelegt, doch ließen sich diese nicht ausschließlich verwenden, da z. B. das t und f dieses Systems zu Unklarheiten geführt hätten; andere Zeichen wieder mußten etwas geändert werden, doch sind im ganzen die Abweichungen von den Zeichen des Gabelsbergerschen Systems gering. Mit dieser Stenographiermaschine kann man leicht eine Schnelligkeit erlangen, wie sie bisher kaum von sehr geübten Debattenschreibern erreicht wurde, und das Stenogramm hat den Vorzug, daß es nicht mit individuellen Mängeln behaftet, sondern vollkommen korrekt ist; es ist deshalb nicht mehr, wie bisher, ein sofortiges Übertragen des Stenogramms durch den Schreiber selbst notwendig, sondern das Stenogramm kann direkt als Manuskript für jeden Setzer dienen, der das System beherrscht, auch ist das Steno- gramm sofort nach seiner Aufnahme versandfertig und kann, mit kopierfähigem Farbband aufgenommen, leicht in mehreren Exemplaren weiter gegeben werden. Die vorliegende Stenographiermaschine eröffnet somit der Anwendung der Steno- graphie außerordentlich weite Möglichkeiten. — — Wir werden auf die Maschine, die, wenn sie brauchbar ist, von nicht geringer Bedeutung sein wird, später noch zurückkommen.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 57
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift
Von Dr. Adolf Grohmann.
J. Schrift und Sprache.
D: äthiopische Schrift stellt in ihrer ältesten erreichbaren Form die graphische Fixierung jener Sprache dar, die, in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich festgehalten, im aksu* mitischen Reiche als Amts- und Umgangssprache in Gebrauch war'), die Sprache, in die etwa ein Jahrhundert später die Evangelien über- tragen wurden. Die äthiopische Literatur bezeichnet sie mit dem Na- men lesana Geʻez ANTS: AGH: „die Ge ezsprache“?), welche. Bezeich- nung auch von europäischen Gelehrten angewendet wurde’); hier soll für Schrift und Sprache mit Job Ludolf und A. Dillmann an der, wenn auch historisch jüngeren, so doch einmal üblichen Bezeichnung ‚‚äthio- pisch“ festgehalten werden. Mit der Regierung der Zague-Dynastie, durch Yekuno ‘amlak (1270—1285 n. Chr.) begründet, beginnt der Verfall der äthiopischen Sprache, die, der Verlegung des politischen Schwer- punktes nach Süden entsprechend, dem dort als Volkssprache ge-
1) Die Aksumiten haben nach E. Littmann ‘Deutsche Aksumexped, Bd. IV, S. 76) etwa im ı. oder 2. Jahrhunderte, jedesfalls nicht später als 300 n. Chr. begonnen, ihre Sprache im sabdischen Alphabete zu schreiben Littmann Nr. 6, 8, davon Nr. 6 mit der altäthiopischen Nr. 7 auf einem Stein). In der ersten Zeit wurde am Königs- hofe wahrscheinlich auch sabäisch gesprochen, worauf die sabäischen Worte für „König“ (449g) „Sohn“ (Iı[]) in Littmann Nr. 6 hindeuten. Im ganzen und großen war das Verständnis der sabäischen Sprache zu dieser Zeit (um 350 n. Chr.) aber schon sehr gering, man sprach eben schon allgemein äthiopisch und ließ so bald auch die sabäische Schrift am Hofe fallen, an deren Stelle noch unter demselben Regenten ‘Ezana schon mit Littmann Nr. 9 die altäthiopische trat (um 350 n. Chr.).
2) Vgl. Job Ludolf, Grammatica aethiopica Ed. II, Francofurti ad Menum 1702. Dissertatio § 7f.
3) So zuerst von E. Rödiger, Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes I. (1837) S. 336.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 2,3. 5
58 Dr. Adolf Grohmann
sprochenen Amharischen Platz machte'). Als Sprache der Kirche und der Literatur aber hat sie sich noch lange erhalten und war, wie bei uns das Latein, noch zu Ludolfs Zeiten dem Hofe, der Priesterschaft und den Gebildeten verständlich?. Bis in die Mitte des ı8. Jahr- hunderts, schon stark mit amharischen Bestandteilen gemischt, hat sich das Athiopische als Sprache der Chroniken, lesana tarik (A\]F: FZ7\:) erhalten. Seit dieser Zeit ist die Sprache nur mehr als die Sprache des Kultus im Gebrauch, die Amtssprache und die Sprache des Hofes ist heute in Abessinien das Amharische. Von den heute in Abessinien gesprochenen Volkssprachen kommt dem Äthiopischen am nächsten das Tigre, in zweiter Linie das Tigrina?), die zum Äthiopischen im Ver- hältnis von Schwestersprachen stehen; eine Menge äthiopischer Wörter findet sich auch in dem sonst ziemlich fern abstehenden Amharischen. Von diesen drei modernen Dialekten hat zuerst das Amharische, in dem schon um 1600 Königslieder aufgezeichnet wurden‘), durch Modi- fikation von sieben Buchstaben des äthiopischen Alphabetes ñ, +t, 5, N, H, P, M zu A, F, > Hh, H, FB, m für die sieben in der äthio- pischen Sprache fehlenden Laute š ‘UJ: und fl. werden nämlich wie s gesprochen) €, n, kh, 2, d, c das äthiopische Alphabet für seinen Laut- bestand zurecht gemacht, das so auch heute noch im Gebrauch ist, wenigstens im amtlichen Verkehr und unter den Gebildeten. Anfäng- lich wurde nur selten amharisch geschrieben). Im Tigre und Tigrina entwickelt sich unter der Leitung der schwedischen Mission eine Lite- ratur unter Verwendung der amharischen Lettern?).
In den grammatischen Untersuchungen des “Abba Takla Maryam’) scheint sogar die äthiopische Sprache wenigstens zum Ausdruck wissen- schaftlicher Themen wieder aufleben zu wollen.
1) So nannte man das Amharische lesana negus (AMT: 49-40) „Sprache des Königs“. Vgl. F. Prätorius, Die amhar. Sprache, Halle 1879, S. 2.
2) Vgl. Job Ludolf a.a. O. § 14—17.
3) Vgl. F. Prätorius, Grammatik der Tigriñasprache, Halle 1871, S. 4, zum Ver- breitungsgebiet beider Sprachen die Karte von M. Checchi, G. Giardi, A. Mori, Lingue parlate nella colonia Eritrea 1912, Rivista Coloniale Anno VII, 25. Nov. 1912 mit einem einschlägigen Artikel von C. Conti Rossini S. 349— 53.
4) Vgl. F. Prätorius, Die amharische Sprache, S. 2.
5) Job Ludolf, Gramm. Aeth. Diss. § 17. Gramm. linguæ Amharicae, Praefatio. Zu erwähnen ist auch, daß die Jesuiten einige biblische Bücher ins Amharische über- tragen haben sollen, sowie daß es von Peter Heyling heißt, er habe (in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts) das Evangelium Johannis ins Amhar. übersetzt.
6) So wurde im Tigre, doch mit amharischen Lettern das „Evangelium enligt Markus, pa Tigre-spraket‘‘ zu Mukullo 1889 gedruckt, eine Christenlehre nach der Bibel im Tigrifia erschien r910 in Asmara, vgl. C. Conti Rossini, Riv. degli Studi Orientali VI, 1913, S. 288.
7, Vgl. C. Conti Rossini, Riv. Studi Orient. VI, 1913, S. 287.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 59
2. Das vorliegende Schriftmaterial.
Die äthiopische Schrift ist uns auf abessinischem Boden auf Denk- mälern aus Stein, auf einer Felswand in der Nähe von Cohaito, auf Münzen‘), auf Gemälden in Kirchen und endlich in Pergament- und Papierhandschriften erhalten. Aus den ersten drei Gruppen hat, nach- dem bereits H. Salt?), E. Rüppell?), Th. Lefebvre*) und Th. Bent) Kopien altäthiopischer Inschriften aus Abessinien mitgebracht hatten, um deren Entzifferung sich besonders A.Dillmann®) und D.H.Müller’) verdient gemacht haben und auch C. Conti Rossini) ein wichtiges Denkmal aus heidnischer Zeit (etwa 350 n. Chr.) hinzugefügt hatte, die deutsche Aksumexpedition im Jahre 1906 wohl alles Material gesammelt, das überhaupt noch erreichbar sein wird. Mit der prächtig ausge- statteten Publikation dieses Materials durch E. Littmann?) ist erst für eine paläographische Würdigung der äthiopischen Schrift die Grund- lage geschaffen worden und wenn ich nach der von E. Littmann auf S. 76—8r seines Werkes gegebenen Charakteristik der Sprache und Schrift der ,altabessinischen Inschriften“ das Wort zu diesem Thema ergreife, so geschieht dies, um jetzt alles über die äthiopische Schrift Einschlägige hier zusammen zu tragen, ihre Entwicklung durch den Lauf der Jahrhunderte zu verfolgen, und ihrem Ursprung aus der sabäo-minäischen Schrift mit besonderer Berücksichtigung der Graffiti nachzugehen. Zu leichterer Verfolgung dieses Weges habe ich unter Beniitzung von E. Littmanns Tafel ,,Die altathiopische Schrift und des in seinem Werke enthaltenen inschriftlichen Materials eine Schrift- tafel entworfen, die auch das älteste handschriftliche Material mit berücksichtigt (Tafel III).
ı) Vgl. A. Dillmann, Über die Anfänge des Axumitischen Reiches, Abh. Kgl. Preuß. Akad. 1878, S. 226—30.
2) H. Salt, Voyage en Abyssinie, Paris 1812.
3) E. Rüppell, Reise in Abyssinien (1838).
4) Theophile Lefebvre, Voyage en Abyssinie exécuté pendant les années 1839—43.
5) J. Th. Bent, The Sacred City of the Ethiopians, Lond. 1893.
6) A. Dillmann, Über die Anfänge des Axum. Reiches, Abh. Königl. Preuß. Akad. Wissensch. zu Berlin, 1878, S. 210 ff.
7) D. H. Miiller, Epigr. Denkm. aus Abessinien, Denkschr. k. Akad. d. Wissensch. in Wien. Phil. Hist. Cl., Bd. XLIII, 1894.
8) C. Conti Rossini, L’iscrizione dell’ obelisco presso Matara, Reale Acc. dei Lincei, Rendiconti Vol. V, 1896, p. 250—253.
9) Deutsche Aksumexpedition, herausgegeben von der Generalverwaltung der Kgl. Museen zu Berlin Bd. IV. Sabäische, griechische und altabessinische Inschriften von Enno Littmann, Berlin 1913. Ich zitiere die äthiopischen Inschriften dieses Werkes im folgenden unter „Littmann“ mit beigesetzter Nummer in der Reihenfolge der Edition.
5*
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a) Inschriftliches Material.
Dieses scheidet sich in zwei Gruppen: a) Inschriften in unvokali- sierter und b) in vokalisierter Schrift.
Zu a) gehört: Littmann 7, 8, Inschriften des ‘Ezana (erste Hälfte des 4. Jahrh. n. Chr.), Littmann 13, 14 (beide 7.—12. Jahrh. n. Chr.), 17'), 18 (altchristl.), 20, 21, 22 (altchristl.); alle bis jetzt genannten Inschriften stammen aus Aksum; 23 (altchristl.) aus “Abba Likanos, 24 (bei Aksum),
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Abb. J: Cod. Vindob. Aeth. 2]. fol. J08r (Anfang des XIV. Jh.).
25 Steinmetzzeichen (aus Aksum), 26 Steinmetzzeichen im Grabe des Gabra Maskal (6. Jahrh., aus Aksum), 33 altchr. Graffito aus Debra Dammo, 34 Stele von Matara (etwa 350 n. Chr.), 39 Graffito aus Toconda. Von den Graffiti aus Cohaito (Littmann 40—100) gehört hierher: Nr. 41, 44,
1) Ein Fragment davon ist nach E. Littmann vielleicht die bei Salt, Voyage en Abyssinie, Paris 1816, II, S.179 abgebildete Inschrift. Salt war der erste, der Kopien altäthiopischer Inschriften (Littmann 15, 19 nach Europa brachte.
Uber den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 61
47, 49, 52 (54), 55, 56, 57—60, 62, 65 (67), 69 (70), 71—74, 77, 79, 80—85, 87, 96, 97, 100.
Zu b): Littmann 9, ıo (erste Hälfte des 4. Jahrh. n. Chr., Inschriften des oben genannten ‘Ezana, heidnisch), rr (um 350 n. Chr., christl.), r2 (etwa 7.—12. Jahrh. n. Chr.), 15, 16 (altchristl.), 19 (um 1000). Alle bis jetzt
genannten Inschriften stammen aus Aksum; ferner die Ge ezinschrift
Abb. 2: Cod. Vindob. Aeth. 23. fol.‘ $38: (Anfang des XIV. Jh.).
auf einer Alabasterlampe, die ich in der Wiener Zeitschrift zur Kunde des Morgenlandes rogrr (S. 411—22) publizierte (9.—10. Jahrh.)'). Von den Graffiti aus Cohaito gehören hierher: Littmann Nr. 40, 42, 43, 45, 46, 48, 50, 51, 53, 61, 63, 64, 66, 68, 75, 76, 78, 86, 88—9;5 (98), 99. Hier sei auch noch an die fünf äthiopischen Grabinschriften aus den Jahren 1550—1654 n. Chr. im Kloster San Stefano dei Mori in Rom erinnert?), sowie an die halbvokalisierte (oder schlecht kopierte?) In- 2) C. Conti Rossini, Riv. degli Studi Orientali, 1913, S. 270 hält sie für älter.
2) Publ. von F. Gallina, Archivio della R. Societa Romana di Storia Patria Vol. XI, S. 281—95 (1888).
62 Dr. Adolf Grohmann
schrift 7P°C zr: iiber der Skulptur des gleichnamigen Heiligen in der Kirche von Golgotha ‘etwa 12. Jahrh.)').
Die dritte Gruppe ist zusammen mi tden beiden ersten in der Tafel III berücksichtigt, die folgende vierte kommt, ebenso wie die Grabinschriften in Rom, weil spät, für diese nicht in Betracht.
b) Handschriftliches Material.
Eine allgemeine Übersicht darüber bietet C. Conti Rossinis Zu- sammenstellung ,,Manoscritti ed opere abissine in Europa“?). Hier sind
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Abb. 3: Cod. Vindob. Aeth. 5. fol. 40v (Mitte des XIV. Jh.).
besonders die alten Mss. vom paläographischen Standpunkte aus im Verhältnis zur Lapidare interessant. In der Schrifttafel (Taf. III) habe
1) Achille Raffray, Les Eglises Monolithes de la ville de Lalibéla (Abyssinie) (Paris 1882) Taf. VII. 2) Rendiconti della Reale Accad. dei Lincei 1899, S. 606—637.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 63
ich die Hs. Ath. 21 (Abb. 1, 2) der Wiener Hofbibliothek') zugrunde ge- legt, die zu jener Gruppe von Mss. gehört, die durch die Hs. Borg. ath. 3 der Vaticana in Rom, der ältesten Hs. der vier Bücher der Könige’), vertreten ist. Diese stammt wohl aus dem Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahrh. und ist in Aksum geschrieben. Ungefähr in diese Zeit gehört auch Äth. 5 (Wien)?), vielleicht etwa in die Mitte des 14. Jahr- hunderts (Abb. 3).
Hieher gehört auch die Hs. Eth. 22 der Pariser Nationalbibliothek )Abb. 4)*), aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrh. stammen Eth. 27 (Zoten- berg Nr. 45, S. 42—44), geschrieben im Jahre 1378 n. Chr. und Eth. 33
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Abb. 4: Cod. Paris. Eth. 22. fol. J62v (Mitteides’ XIV. Jh.).
bis (Zotenberg Nr. 52, S. 53—57) aus dem Jahre 1379 n. Chr. Am nächsten kommen diesen Mss. dann die Hss. Eth. 94 (Zotenberg Nr. 5, 13. Jahrh.? S. 69), Eth. 59 (Zotenberg Nr. 131, 13. Jahrh.? S. 196 —198) und Eth. 15 (Zotenberg Nr. 10, 14. Jahrh., S. ı5f.) der Biblio- theque Nationale in Paris, sowie endlich Bibliotheca Vaticana 50 (aus dem 14. Jahrh.). Bevor nun auf die Schrift selbst und ihren Ursprung eingegangen wird, mögen hier kurz
3. Die Meinungen und- Zeugnisse über die äthiopische Schrift
mitgeteilt werden, die in der gelehrten europäischen Literatur nieder- gelegt sind.
Das erste in Europa gedruckte Buch, das auch ein äthiopisches Alphabet enthielt, war der Psalter, der zusammen mit dem Alphabetum
ı) Vgl. N. Rhodokanakis, Die äthiopischen Handschriften der k. k. Hofbibliothek zu Wien, Sitzb. k. Akad. d. Wiss. in Wien Bd. CLI /1906', Nr. XVI, S. 46—49 u. Taf. III.
2) Vgl. N.Roupp, Die älteste äth. Handschrift der vier Bücher der Könige, Zeit- schrift für Assyriologie XVI 1902, S. 296—343. (Mit 4 Tafeln.) Eug. Tisserant, Specimina Codicum Orientalium, Bonnae 1914, Taf. 62.
3) Vgl. N. Rhodokanakis, a. a. O., Nr. XV, S. 42—46 und Taf. IV.
4) H. Zotenberg, Catalogue des manuscrits Éthiopiens (Geez et amharique) de la Bibliothèque nationale, Paris 1877, Nr. 32 (S. 24—29).
64 Dr. Adolf Grohmann
seu potius Syllabarium literarum Chaldearum, Cantica Mosis, Han- nae etc. von Johannes Potken 1513 zu Rom bei Marcellus Silber er- schien. Darauf erfolgte im Jahre 1548 der Druck des Neuen Testa- ments und der Meßliturgie mit einer lateinischen Einleitung über die Form des äthiopischen Alphabets, das in der in äthiopischen Hss.
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Abb. 5: Cod. Vindob. Aeth. 20. fol. 44r (XV.—XVI. Jh.).
üblichen Anordnung (Überschrift: Alphabetum seu potius Syllabarium literarum Chaldearum) mit Transkription und den Zahlzeichen samt Auflösung abgedruckt wurde, gezeichnet: Impressit omnia, quae in presenti Libro continentur Valerius Doricus: Romae, impensis Petri Comos Ethiopis Et Angelus de Oldradis eius Operarius composuit. Anno a nativitate Domini M. D. XLVIII.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 65
Eine eingehende Untersuchung des äthiopischen Alphabetes unter- nahm erst Job Ludolf in seiner Historia Aethiopica Lib. IV, Cap. I. Er sagt: Quod autem nostras Aethiopicas spectat, in nonnullis nomine quidem: figura vero nullatenus cum Hebraicis hodiernis conveniunt, ut si has spectes, dicendum sit, Aethiopes cultum neque sacrum neque profanum ab Israelitarum gente accepisse. At cum Samaritanorum characteribus, quos multi judiciosissimi viri pro primaevis, et genuinis veterum Hebraeorum elementis agnoscunt, aliquem convenientiam habere videntur. Tametsi plerasque, nisi valde distorqueas et invertas, sibi invicem assimilare non possis.
Er gibt nun das samaritanische Alphabet, stellt die entsprechenden äthiopischen Buchstaben parallel und fährt nun fort:
Quamquam non certum quoddam Alphabetum Samaritanum secuti simus; sed ex diversis figuris, quas Clariss. Waltonus in apparatu Bi- bliorum polyglottorum habet, eas selegerimus, quae nostris Aethiopicis similiores videbantur. Verisimile tamen crediderim, autorem literarum Aethiopicarum (quem hucusque incompertum habeo) et literarum illa- rum antiquarum, et Graecarum veterum cognitionem aliquam habuisse; at eas non, veluti manu traditas, in certum sacrorum usum accepisse, sed ex ingenio suo ad usum linguae Aethiopicae, recipiendis vocalium notis, formasse et ordinavisse.
Schon damals wurden Stimmen laut, die das äthiopische Alphabet aus dem Griechischen ableiten wollten. Ludolf entgegnet ihnen in seinem Commentarius ad historiam S. 555 mit den Worten:
„Alii ex Graecis derivare maluerunt, verum ita, ut si volupe fuerit, Aethiopicas a Runicis vel si malis Indicis detorquere possis.‘
Allein trotz Ludolfs Entgegnung ist dieselbe Idee immer wieder aufgenommen worden. So von O. G. Tychsen’), Wah1?), H. E. G. Pau- lus3), Renodot‘), B. Klaproth5), W. Gesenius®), deren Gründe U.F.Kopp?) eingehend widerlegte.
In eine neue Bahn wurde die Forschung über das äthiopische Alpha- bet durch William Jones?) gelenkt, der zuerst die äthiopische Schrift mit der indischen verglich. Maßgebend waren für ihn nur rein all-
1) In F. C. Eichhorns Repertorium III, S. 155 f. (1779).
2) Allgemeine Geschichte der morgenländischen Sprachen und Litteratur, Leipzig 1784, S. 632.
3) Memorabilia VI, S. 109 (1796).
4) Memoires de l’acad. des inscriptions II, S. 485.
5) Asiat. Magazin. I, S. 537 (1802.
6, Geschichte der hebräischen Sprache und Schrift, Leipzig 1815, S. 138.
7) Bilder und Schriften der Vorzeit, Mannheim 1821, Bd. II, S. 345 ff.
8) Asiat. Rech. III, S. 4, Millin Mag. 1806, III, S. 308, Memoires de l’académie des inscript. L. 1808, S. 292.
Dr. Adolf Grohmann
hemals gefiihrt hatten.
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Schreibrichtung von links nach rechts, 2. Silben, 3. der Name „Indier“, den die Ath
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Gründe, 1. di
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Abb. 6: Cod. Vindob. Aeth. 9. fol. 198v, 199r mit Notizen von Job Ludolfs Hand (Mitte des XVII. Jh.).
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 67
Seine Gründe sind schon von U.F.Kopp') als unzureichend erwiesen, seine These ist aber gleichwohl später von R. Lepsius?) wieder aufgenommen worden.
Es wird übrigens auf Jones noch bei der Frage nach der äthiopischen Vokalbezeichnung zurück zu kommen sein. Die These vom griechischen Ursprung des äthiopischen Alphabets wurde wieder von Silvestre de Sacy?) aufgenommen. In seiner Arbeit „Mémoire sur l'origine et les anciens monumens de la littérature parmi les Arabes“ hatte de Sacy die These aufgestellt, die äthiopische Schrift sei von christlichen Missionären gegen das 4. Jahrh. n. Chr. erfunden und mit dem Christen- tume nach dem Jemen gebracht worden und aus ihr sei die himjarische Schrift, die ihm aus den Alphabeten arabischer Paläographen in Pa- riser Hss. bekannt war, entstanden. Die These erledigt sich bald dadurch, daß man das Alter der sabäischen, oder, wie er sagen würde, himjaritischen Schrift erkannte, deren älteste Denkmäler gegen 750 v. Chr. hinaufreichen. De Sacy glaubte auch im äthiopischen Alpha- bete Spuren der koptischen Schrift zu erblicken‘) und seiner Meinung nach verriet ein großer Teil der Buchstaben überdies seinen Ursprung aus der griechischen Schrift. Dieser Ansicht, der schon U. F. Kopp5) mit guten Gründen entgegentrat, ist auch M. J. B. Silvestre nicht mehr gefolgt, der in seiner Paléographie universelle®) Fol. 205” zu folgender Anschauung über das äthiopische Alphabet kam: ,,c’est a l’alphabet sama- ritain qu’on rattache l'origine de l'alphabet éthiopien. Il y a, en effet, des rapports évidents de forme entre les signes des deux alphabets; mais il y a aussi des différences très marquées, et la plus saillante est dans la marche contraire des deux écritures, l’ethiopienne se diri- geant de gauche à droite comme les écritures indiennes et européennes, et la samaritaine de droite à gauche comme les autres écritures arabico-semitiques.‘‘ Daß die sabäische — oder wie sie seinerzeit ge- nannt wurde — himjaritische Schrift von etwa 750—500 v. Chr. auch rechtsläufig geschrieben wurde, war Silvestre nicht bekannt; mit dieser Tatsache fällt aber auch sein Haupteinwand gegen die Hypo- these der Zusammengehörigkeit mit dem samaritanischen Alphabete, die von allen Hypothesen der Wahrheit ja immer noch am nächsten
1) A. a. O., S. 348.
2) Zwei Sprachvergleichende Abhandlungen (1836), S. 74 ff.
3} Mémoires de l’académie des inscript. L., S. 247ff., 281ff. (Paris 1808), Seine hier vertretenen Ansichten hatte er schon im Jahre 1785 ausgesprochen.
4) Einen Vorläufer hatte er hierin in O.G. Tychsen, der Bibl. d. alt. Lit. VI, S. 5ı das ithiopische g dem koptischen I ähnlich fand (vgl. U. F. Kopp, a. a. O. S. 355).
5) A. a. O., S. 357f.
6) Paléographie universelle par Silvestre, Paris 1839, I. Vol.
68 Dr. Adolf Grohmann
kam. M. J. B. Silvestre mag sich wohl durch U. F. Kopp haben belehren lassen, der in seinem ebenso geistreichen als scharfsinnigen Werke ,,Bilder und Schriften der Vorzeit‘‘ (1819) im sechsten Abschnitte ausführlich über die äthiopische Schrift gehandelt hat (S. 344—61). Nach Widerlegung der These vom griechischen Ursprunge des äthio- pischen Alphabetes und der Ansicht Jones betont Kopp den unmittel- bar semitischen Ursprung dieser Schrift, indem er auf die semitische Rasse der Äthiopier, die Verwandtschaft der äthiopischen Buchstaben- namen mit den hebräischen, die mit der samaritanischen überein- stimmende Interpunktion verweist und endlich S. 351—56 die einzelnen Buchstaben des Alphabetes samt hebräischer Umschrift mit den ent- sprechenden phönizischen, aramäischen, samaritanischen, gelegentlich althebräischen, altpersischen, Estangelo- und Peschitto-Zeichen ver- gleicht. Am Schlusse seiner Ausführungen S. 360 ($ 338) spricht Kopp die Vermutung aus, daß die Abessinier ihre Schrift den Syrern verdanken.
Trotz mancher Mängel — so die Ableitung von äthiopischem 4 und koptischem b aus gemeinsamer Quelle — stellte Kopps Arbeit doch wohl das Beste dar, was zu seiner Zeit überhaupt mit den beschränkten Mitteln zu leisten war, und die Wissenschaft wäre vielleicht lange bei den durch Kopp geschaffenen Anschauungen stehen geblieben, hätte nicht durch das Auftauchen einer neuen Schriftart der Forschung sich eine neue Weit aufgetan.
Bereits im Jahre ı81r waren durch den russischen Kollegienassessor Herrn von Seetzen südarabische Inschriften aus Doffar (Zafar) und Menkät (Menkat bei Jerim) nach Kopien auf einer Kupfertafel der Öffentlichkeit vorgelegt worden'). Einen bedeutenden Zuwachs an in- schriftlichem Material brachte 23 Jahre später J. R.Wellsteds Artikel „Account of some Inscriptions in the Abyssinian character, found at Hassan Ghorab, near Aden, on the Arabian coast‘‘?), der vor allem die 525 n. Chr. datierte zehnzeilige Inschrift von Hisn el-Gurab enthielt, die bis A. Arnaud als das umfangreichste sabäische epigraphische Denkmal der Forschung als hauptsächlichste Unterlage diente. War schon durch den Titel von Wellsteds Arbeit der Zusammenhang mit
1) In den Fundgruben des Orients Bd. II, Wien 1811, S. 282f. Einige kleine sabä- ische Fragmente aus Jeha kopierte H. Salt auf seiner Reise in Abessinien (1809 und ı810. und veröffentlichte sie in seiner „Voyage en Abyssinie en 1809, London 1814, S., 431f.
2) Im Journal of the Asiat. Soc. of Bengal vol. III (1834), S. 554—56, samt Tafel. Die Arbeit Michelangelo Lancis ,,Sugli Omireni e loro forme di scrivere trovate ne’ codici Vaticani“ 1820) konnte hier nicht in Betracht kommen, da die beigegebene Tafel für paläographische Zwecke ganz unbrauchbares Material bot.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 69
dem abessinischen Alphabete betont, so wurde von nun an das sabä- ische Alphabet konstant zum äthiopischen in Beziehung gesetzt. So hat E. Rödiger in seiner ‚Notiz über die himjaritische Schrift nebst doppeltem Alphabet derselben‘'), S. 335f., die Ähnlichkeit der him- jarischen und äthiopischen Schrift betont, und in seiner Untersuchung, der hauptsächlich zwei himjarische Alphabete nach arabischen Mss. zugrunde liegen, richtig sabäisch mit äthiopisch MS.-Inschrift
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1) Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes I (1837), S. 332—40.
70 Dr. Adolf Grohmann
zusammen gestellt (S. 336f.). Auch auf die Gleichheit des Worttrenners, des senkrechten Striches in den sabdischen und Riippellschen In- schriften (Littmann ro, rr) hat er bereits hingewiesen'). Den Aus- führungen E. Rödigers schloß sich auch W. Gesenius?) an. Er ver- weist (Sp. 379) auf „die in die Augen fallende Ähnlichkeit der him- jaritischen Schrift mit der äthiopischen, insbesondere der altäthiopischen Schrift, wie wir sie schon durch Salt, viel genauer durch die von Rüppell bekannt gemachten und von E. Rödiger erklärten Inschriften kennen“, und folgert (Sp. 379 f.): „Sowohl die alte eckige, als die neuere gerundete äthiopische Schrift enthält nun so viele mit den himjaritischen zusammentreffende Buchstaben, als N), H, Nh, 5, fl, daß man an der nahen Verwandtschaft dieser Alphabete nicht zweifeln konnte, wie man auch schon früher auf dem Wege bloßer Vermutung eine Abkunft des äthiopischen Alphabetes aus dem himjaritischen angenommen hat“?). Gestützt auf neue inschriftliche Funde aus Aden, Sana und Nakb el Hagr in Südarabien beschäftigte sich James Bird in seinem Aufsatze: „On the Origin of the Hamaiyaric (sic) and Ethiopic alphabets‘“‘4) mit der Frage, ob das Alphabet der Inschrift von Aden griechischen oder semitischen Ursprungs sei. — Er kommt bei seiner Untersuchung zu folgenden Resultaten:
Das himjarische Alphabet hat seinen Ursprung im Phönizischen, das äthiopische (nach Gesenius) im Himjarischen. Das äthiopische Alpha- bet adoptierte die sieben griechischen Vokale, die an den Buchstaben der ersten Kolumne (Geez) angebracht wurden. Diese Kolumne stellte das fertige System dar, als 325—335 n. Chr. die Abessinier, durch Fru- metius zum Christentum bekehrt, die Septuaginta erhielten (vgl. hierzu weiter unten S. 79ff.). Bird gibt auf Tafel XIII des Bandes, Hamaiyaric and Ethiopic Alphabets, arranged by J. Bird Esq. and compared with the Hebrew, Phænician, Samaritan, Mendæan, and Arabic Alphabets. Obwohl die Liste keineswegs fehlerfrei ist5) und seine Ausführungen
1) Vgl. auch seinen „Versuch über die himjaritischen Schriftmonumente“, Halle 1841, und seinen „Exkurs über himjaritische Inschriften“ in J. R. Wellsteds Reisen in Arabien. Deutsche Bearbeitung, Halle 1842 (S. 352—4ır). Das Werk enthält auch das äthiopisch-himjarische Alphabet.
2) Himjaritische Sprache und Schrift, und Entzifferung der letzteren, Allg. Literatur- zeitung, Juli 1841, Nr. 123, Sp. 369—99.
3) Den umgekehrten Weg hat S.de Sacy angenommen, vgl. oben S. 67. Dagegen hat Büttner, Vergl. Taf. II, 19 inach U. F. Kopp, a.a.O., S. 300', bereits an den Ursprung der äthiopischen Schrift aus der „homeritischen‘‘ — den Namen kannte er wohl aus Ludolf Comm., S. 66 — gedacht.
4) The Journal of the Bombay Branch of the Royal Asiatic Society Vol. II 1844, S. 66—71.
5) 2 D ‘heute als t, r, d gelesen, erscheinen zusammen mit d (wohl Fragment
Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 71
auch sonst der Phantasie zu weiten Spielraum lieBen'), war die Er- kenntnis der Ähnlichkeit der äthiopischen und sabäischen Schrift doch von bleibendem Werte, ebenso wie die des phönizischen Ursprungs der letzteren. Am Schlusse seiner Arbeit verwies Bird noch auf koptisches UW, “4, b, 2, X, 6, T, 3, f, h, h, g, ċ, ti?) und fand sie „almost identical in character‘ mit den äthiopischen bzw. himjari- tischen Zeichen. Er griff so wieder auf O. C. Tychsen und S. de Sacy zurück.
Wenn man sich von nun an zum äthiopischen Alphabete äußerte, so geschah dies im Zusammenhange mit dem sabäischen Alphabete. So hat A. Weber sich mit dem Problem des Ursprungs des indischen Alphabetes?) beschäftigt und dabei auch eingehend die äthiopische Vokalisation besprochen (s. weiter unten S. 80). Seine Theorie wurde von seinem Schüler W. Deecke*) weiter ausgebaut. Deecke gibt 4 Tafeln bei, auf denen er folgende Schriften zusammenstellt: He- bräisch, Arabisch, Assyrische Keilschrift, Südsemitische Urform, Harra- inschriften, Libysch, Indisch, Himjaritisch, Äthiopisch, und kommt zu folgenden Resultaten: Das indische und himjarische Alphabet, dem das äthiopische entsprang, zeigen so nahe Verwandtschaft, daß sie einem gemeinsamen, aus dem ältesten südsemitischen abgezweigten Mutteralphabete entstammt sein müssen. Doch kann man weder das erhaltene indische Alphabet aus dem erhaltenen himjarischen ableiten, noch umgekehrt. Die Bemühungen Rödigers und Birds um den Zusammenhang der äthiopischen und sabäischen Schrift wurden erst
von ®) neben dem äthiopischen P. Den Worttrenner | hält Bird für äthiopisches
P. A soll A sein, bei | (g) ist aber 1 ‘li nicht geschieden. Der Buchstabe $ (f) erscheint in einer ganz verzerrten Form. H 7 A sind mit ge" Pl der altäthiopischen Inschriften und O (d) verglichen, doch ist R= A= N b: nur H = U. Neben 9 ) (r) erscheint im Athiopischen der Inschriften ) ‘r) und ? (y', dem das kursive £Z, gleich- gesetzt ist. 4} (h) ist als U (5: aufgefaßt. Endlich ist x 3 x (Z, š, s: in eine Reihe gestellt und mit A ($) verglichen.
1) So sollten w, y, ‘a im Sabäischen auch Vokale gewesen sein und die Namen der himjaritischen Buchstaben, die man doch höchstens aus dem Äthiopischen hypo- thetisch erschließen könnte, den hebräischen und phönizischen SENEDESSHEN und un- et ihren semitischen Ursprung klarlegen.
) Statt h, h, g, € transcribierte Bird k, h, z, s!
F Über den semitischen Ursprung des indischen Alphabetes, Zeitschrift d. deutschen Morgenl. Gesellsch. ro (1856), S. 389—406. Er setzt sich auch mit seinen Vorläufern W. Jones, R. Lepsius und Kopp auseinander, übersah aber, daß bereits v. Seetzen, a. a. O., S. 284, die Vermutung ausgesprochen hatte, die Pfeilerinschrift von Dehly, die von Firūs Schah herstammen sollte, habe Ähnlichkeit mit der himjarischen Schrift.
4) Über das indische Alphabet in seinem Zusammenhange mit den übrigen süd- semitischen Alphabeten, Zeitschr. d. deutschen Morgenl. Gesellsch. 31 '1877', S. 598—612.
72 Dr. Adolf Grohmann
Abb. 7: Cod. Upsala Aeth. 5. fol, J7* (XV. Jh.).
wieder von D. H. Müller!) aufgenommen. Auf S. 64 und 69f. kommt Müller zu folgenden Ergebnissen: Die äthiopische Schrift ist das Pro- dukt einer Reform, die das sabäische Alphabet in seiner ältesten Ge- stalt (altsabäisch) zugrunde legte, die Vorlage stammte wahrscheinlich
ı) Epigraphische Denkmäler aus Abessinien, Denkschriften der Kais. Akad. d. Wissensch. in Wien Bd: 43 (1894).
Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 73
aus dem Staatsarchive von Aksum. Sie wurde von einem christlichen Missionär vorgenommen und die bis dahin linksläufige Schrift nach dem Muster der griechischen rechtsläufig gestellt. Diese Reform, mit der sich auch die Vokalisierung der Konsonanten verband, wurde mit einem Male eingeführt und ist ein einheitliches Werk, für den grie- chischen Einfluß spricht auch die Herübernahme griechischer Zahl- zeichen‘). - Unmittelbar nach D. H. Müllers Publikation äußerte sich auch E. Glaser?) zu den aksumitischen Inschriften; er sah in der Vokal- bezeichnung ‚das indische System auf die sabäischen Buchstaben auf- gepfropft“. Zum Vergleich in schriftgeschichtlicher Beziehung wurde das äthiopische Alphabet noch gelegentlich von M. Lidzbarski?), F. Prätoriust), Th. Nöldeke:) herangezogen.
Auf der Basis, die D. H. Müller geschafien hatte, konnte endlich E. Littmann, der Herausgeber des reichen inschriftlichen Materials der deutschen Aksumexpedition, zu einer abschließenden Charakteristik des äthiopischen Alphabets der Inschriften schreiten. Abgesehen von den bereits oben (S.57 Note 1) erwähnten Ergebnissen gelangte Litt- mann®) in der Hauptsache zu folgenden Resultaten:
I. Man schrieb in Abessinien von etwa 50—350 n. Chr. die ein- heimische Sprache mit sabäischen Buchstaben, verwendete für diese aber zur selben Zeit ein direkt vom sabäischen abgelei- tetes Alphabet, das das Produkt einer Schriftreform darstellt.
2. Die äthiopische Schrift war anfangs unvokalisiert und erhielt erst später Vokalzeichen. Man wählte unter griechischem Einfluß die rechtsläufige Richtung, ließ 5 sabäische Zeichen fallen und nahm die 24 Zeichen des Alphabets in wenig ver- änderter Form herüber. Diejenigen altsabäischen Zeichen, die den altnordsemitischen näher stehen als den sabäischen, wie +, H, sind dennoch aus letzterem, nicht aus einem älteren oder anderen Alphabete abzuleiten. T und nr, in den alten
ı, D.H. Müllers Ausführungen schloß sich auch Th. Nöldeke (Zeitsch. d. deutsch. Morgenl. Gesellsch. 48 [1894', S. 378) an. Auch E. J. Pilcher legte seinem Artikel „Ihe Himyaritic Script derived from the Greek‘ (Proceedings of the Society of Biblical Archaeology 1907, S. ı23ff.) D. H. Müllers Anschauungen zugrunde, erwähnt das äthiopische Alphabet aber nur kurz (S. 125f.) im Zusäimmenhange mit dem Sabäischen.
2) Die Abessinier in Arabien und Afrika, München 1895, S. 168f.
3) Der Ursprung der nord- und südsem. Schrift, Ephemeris I (1900— 1902), S. 109 — 36.
4) Bemerkungen zum südsemitischen Alphabet, Zeitschr. d. deutschen Morgenl. Gesellsch. 58 (1904, S. 715—726.
5) Die semitischen Buchstabennamen i. d. „Beiträge zur semit. Sprachwissenschaft“, S. 124—136 (1904), vgl. zum selben Gegenstande auch M.Lidzbarski, Die Namen der Alphabetbuchstaben, Ephemeris II (1903— 1907), S. 125—39.
6) A. a. O., S. 78 ff.
Dr. Schramm, Archiv für Schriftkunde. I. 23. 6
74 Dr. Adolf Grohmann
Inschriften nicht belegt, waren bei Einführung der Vokale wahrscheinlich schon vorhanden.
3. Die Einführung der Vokalschrift fiel ungefähr mit der Ein- führung des Christentums zusammen (um 300 n. Chr.) und stand mit der Tätigkeit christlicher Missionäre im Zusammenhange. Der Vokalschrift lag das bekannte nationale Alphabet (s. Punkt 2) zugrunde, in Littmann 7 und 26 finden sich aber für /, N, U, N, Å, T, ältere, dem sabäischen näherstehende Formen, die auch auf der unvokalisierten Inschrift Nr. 34 vorkommen (A, U, A), was beweist, daß die vokallose Schrift älter als die vokalisierte ist.
4. Die Beziehungen der äthiopischen Schrift zum altnord- arabischen und südarabischen Alphabete.
Ich möchte hier nun auf einige auffallende Erscheinungen in der unvokalisierten äthiopischen Schrift eingehen, die bis jetzt keine Be- achtung gefunden haben, für die Frage, aus welcher Form der minäo- sabäischen Schrift das äthiopische Alphabet entstanden sei, aber von Wichtigkeit sind. Ich gebe in der hier folgenden Tafel I die alt- sabäische Form (etwa 750—500 v. Chr.)'), die spdtsabdische’) (aus den ersten Jahrhunderten n. Chr., etwa bis 500 n. Chr.), die Formen der südarabischen Graffiti?), die entsprechenden Zeichen des lihjanischen, thamudenischen und safatenischen Alphabets*) und endlich die äthio- pischen Formen. |
Aus dieser Tafel ergibt sich für die äthiopischen Zeichen folgendes:
ı. Aus der linksläufigen sabäischen Schrift sind übernommen
ALn aA
2. Im Gegensatz zum Sabäischen änderten th, AR, W, P ihre Lage. ih: stellt sich verkehrt um), statt daß die eine Haste die Stütze bildet, wird sie Spitze und das Zeichen gewinnt so gleichsam
1) Nach Hofmus. 14, Gl. 1699— 1702, 1724, 1642.
2) Vgl. CIH. 1, 2, 5—8, 29, 31, 102, 308, 325, 358 usw.
3) Von den 18 ausgewählten Abklatschen trägt keiner eine Nummer, Als Provenienz der Graffiti (Gl. 1472—1498, 1502—1518) ist im Tagebuche I. eine Sandsteinfelswand bei Jenur angegeben, ferner Damm el Kafir und Sailetel Kenz, beide bei Jenur, 2 Abklatsche Nr. 3, 4) tragen den Namen u) a>. Ich habe natürlich nur die vom gewöhnlichen sabäischen Duktus abweichenden Graffiti herangezogen, die von mir gegebenen Formen ‘vgl. die nach Pausen hergestellte Taf. II) kommen aber auch auf anderen Graffiti als den mit 1—18 bezeichneten der Sammlung Glaser vor.
4) Nach Mark Lidzbarski, Ephemeris II, S. 361.
5) Vgl. Sabäische Denkmäler von J. H.Mordtmann und D.H. Müller Nr. 37, Glaser 887 = Mordtmann, Himjar. Inschriften und Altertümer, S. 39.
Archiv fiir Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3. Zu Seite 74.
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Taf. Is Schrifttafel A. Zum Vergleich der altäthiopischen Schrift mit der altnordarabischen (Sihyamisch, Thamudenisch, Safatenisch), den sabäischen Graffiti, den spät- und altsabäischen. (Gezeichnet von Dr. A, Grohmann.)
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Archiv fiir Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3.
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Zu Seite 75.
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Taf. II: Die Buchstabenformen der sidarabischen Graffiti der Sammlung E. Glaser.
(Gezeichnet von Dg. A. Grohmann.)
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 75
an Stabilität; das altäthiopische Alphabet führt so eine Ten- denz völlig durch, die schon das Sabäische in sich trägt: das Streben nach Stabilität der Zeichen!) œ, W und P wurden um 90° gedreht und so gleichfalls auf eine stabilere Basis ge- stellt. Von den entsprechenden Zeichen des altnordarabischen Alphabetes zeigt das lihjanische das h in derselben Stellung wie das äthiopische, im thamudenischen und safatenischen sind beide Lagen möglich. m und d sind auch im thamude- nischen bereits liegend. Für die Umlegung der Zeichen mag außer der Stabilität auch noch die Vorliebe für den Vertikal- schnitt, die das äthiopische Alphabet mit dem sabäischen teilt?), maßgebend gewesen sein. 3. Ihre Form änderten:
U: Die Stütze des Zeichens ist aufgegeben, der spitze Winkel in Littm. 4 und den Münzen erinnert an die altsabäische Form, die sabäischen Graffiti 8, 16, 17 und das Altnordarabische.
(\: Der eine Balken des sabdischen Zeichens ist verlangert und der Buchstabe auf die Schenkel des so entstandenen Dreiecks gestellt. Ein Vorläufer zu dieser Entwicklung ist das / des sabdischen Graffito rr, das auch lihjanische Verwandte hat.
®: Nur Littm. 26, ı8 zeigen die altsabäische Gestalt, die aber auch auf den sabäischen Graffiti vorkommt, 7, 17, 34, 77 und die Münzen zeigen starke Verwandtschaft mit den sabäischen Graf- fiti 7, II, 15.
W: Zeigt auf Littm. 26 und den Münzen die altsabäische Form, die auch imLihjanischen und Thamudenischen und den sabäischen Graffiti erscheint, neben der späteren gerundeten, die aber auch im Sabäischen vorkommt (auf Inschriften, die dem Altsabäischen nahe stehen). Dieselbe Form erscheint übrigens auch auf der Inschrift Littm. 8, die spätsabäischen Duktus hat.
Z/.: Erscheint in zweifacher Gestalt: auf Littm. 7 (34, 26, 17, 3 und den Münzen) in einer Form, die der winkeligen spätsabäischen, der von Graffito 4, der lihjanischen und safatenischen entspricht (nur ist der Buchstabe dadurch, daß er auf dem vorderen Schenkel ruht, etwas verschoben); daneben ein Nachkomme der altsabäischen runden Form auf Littm. 7, 8, 33c, wozu be- sonders die Form des sabäischen Graffito 17 und die safa- tenische zu vergleichen ist.
t) Auf diese Tendenz des sabäischen Alphabetes hat zuerst M. Lidzbarski, Ephe- meris I, S. 118, 126, aufmerksam gemacht. 2) Vgl. M. Lidzbarski, Ephemeris I, S. 113. 6”
76
an
Dr. Adolf Grohmann
: Weist nur auf Littm. 77 eine dreieckige Form auf, zu der das
spätsabäische, bzw. das Zeichen auf dem sabäischen Graffito ıo und die gleiche lihjanische Form zu vergleichen wäre. Daß der Strich übrigens im Altäthiopischen durch den Ring durch- geht (so auf Littm. 7) ist nach der dem Sabäischen entsprechen- den Nebenform auf Littm. 7 zu schließen spätere Umgestaltung.
: Zeigt im Altäthiopischen abgerundete Ecken, wie im sabäischen
Graffito 8, 4, im Thamudenischen und Safatenischen.
: Nur einmal (Littm. 26), wie im Altsabäischen und Lihjanischen
regelmäßig, in der Form des Andreaskreuzes, erscheint im Äthiopischen gewöhnlich gerade gerichtet, wie auf dem sa- baischen Graffito 11, im Thamudenischen und Safatenischen.
: Hält die altsabäische Form ein, die wohl auch die Graffiti
zeigen mögen; nur steht mir kein Y auf Graffiti zu Gebote.
: Zeigt im Altäthiopischen Neigung zu den Formen der sabäischen
Graffiti und des Thamudenischen, besonders Littm. 7, 34, 26, 17, 77-
: Nur auf Littm. 7, 26 entspricht das Zeichen dem altsabäischen,
das aber auch auf den Graffiti belegt ist; die Formen auf Littm. 18, 33, 34, 77 und die Münzen zeigen eine Entwicklung, die der Form der sabäischen Graffiti ı, 7, ır, 12 näher steht und sich auch im Thamudenischen findet.
: Der altsabäischen Form, die sich auch noch später erhalten hat,
entspricht noch Littm. 7, Littm. 26, 17, 33 und die Münzen sind verwandt mit den sabäischen Graffiti 4, ır und den thamu- denischen Formen.
: Dem alt- und mittelsabäischen steht am nächsten das altäthi-
opische Zeichen auf Littm. 33, die Schiefstellung des Mittel- striches in Littm. 7, 17 erinnert an die sabäischen Graffiti 4, 17, die Dreiecksform auf Littm. 34, 26, 77 und den Münzen an die gleiche lihjanische und die quadratische Form auf dem sabä- ischen Graffito ro (vgl. das lihjanische); ein Mittelding zwischen beiden zeigen die sabäischen Graffiti 6, 8.
: Im Altäthiopischen erscheint es in zwei Formen, von denen
eine (die Kreisform), die sich in der Schrift der sabäischen In- schriften unverändert erhalten hat, in Littm. 7, ı7 sich ans Sabäische anschließt, jene auf Littm. 26, 33, 34 aber ihrer Winkelbildung nach zu der Form auf dem sabäischen Graffito 13 gehört. Eine ähnliche Form, nur anders gelegt, zeigt auch das Safatenische, eine viereckige auch das Lihjanische.
: Erscheint schon im Altäthiopischen durchwegs mit einem
Mittelstrich, wie auf dem sabäischen Graffito ro und im Lih-
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 77
janischen, im Gegensatz zur sabäischen Form der Inschriften, die zwei Mittelstriche aufweist.
P: An die dreieckige Form des Kopfes, wie in Littm. 7, 41, 77 und auch auf Münzen erinnert das Lihjanische. Littm. 7, 26 zeigen aber meist die dem Sabäischen verwandten Formen mit rundem Kopfe.
P: Die durch Littm. 17, 33, 4I, 77 vertretenen Formen scheinen
Neubildungen zu sein, der Kopf ist von der Basis getrennt und
in Littm. 17 gerundet. Die Rundung des Kopfes erinnert an
die thamudenischen und safatenischen Formen, die aber die
Trennung nicht zeigen. Die Trennung des Kopfes von der
Basis ist übrigens auch auf der im spätsabäischen Duktus ge-
schriebenen Inschrift Nr. 8 zu beobachten. Hingegen zeigen
Littm. 7 und die Münzen ein auf der Basis aufsitzendes großes
Dreieck. Die Betonung des Dreiecks im Größenverhältnis
entspricht ganz den Formen der südarabischen Graffiti 8, 9, 16
und ist für diese und fürs Altäthiopische charakteristisch. (Vgl.
auch die Altarinschrift von Yeha.)
Ist im Altäthiopischen unten oflen und oben gerundet, wie im
Thamudenischen und Safatenischen, zum Unterschied von der
im Sabäischen und Lihjanischen gewöhnlichen geschlossenen
eckigen Form. (Eine unten offene Form zeigt CJ H 351, das
auch sonst paläographisch merkwürdig ist.)
A: Mit dem Sabäischen verwandt ist nur die Form mit rundem Kopfe auf Littm. 7, auch hier zeigt die zweite die im Sabäischen fehlende Dreiecksbildung. Littm. 26, 33 und 34 zeigen eine Umgestaltung des Zeichens ins Dreieckmotiv.
2,: Die spätsabäische Grundform ist noch kaum zu erkennen. Die beiden geraden Enden sind nach rechts gebogen und das so entstandene altäthiopische Zeichen auf die untere Linie als Basis gelegt. Eine Parallele hiezu gibt es nicht. Ähnlich gebildet ist nur etwa das thamudenische Zeichen.
4. Das Altäthiopische zeigt eine Vorliebe für die Gestaltung drei- eckiger Formen, wie das Lihjanische und teilweise auch die sabäischen Graffiti.
>
5. Herkunft der äthiopischen Schrift.
Überlegt man nun, daß das äthiopische Alphabet, wie es die ältesten Inschriften zeigen, zeitlich vom altsabäischen etwa durch ıroo Jahre getrennt, das Vorhandensein von altsabäischen, die Kontinuität der Entwicklung in der Schrift auf abessinischem Boden bezeugenden
78 Dr. Adolf Grohmann
Inschriften durch nichts erwiesen und die Vermutung, es habe im Königlichen Archiv in Aksum eine Schriftvorlage, die dem altsabäischen Duktus nahe stand, gegeben, aus der die äthiopische Schrift geschaffen worden sei, eben nicht mehr als eine Vermutung ist, so liegt es noch am nächsten, die Schrift der südarabischen Graffiti, die dem Altsabä- ischen wie dem Altäthiopischen gleich nahe steht, als Basis für die altäthiopische anzusehen. Ich möchte hier auch die Vermutung aus- sprechen, daß wir in dieser Schrift eine Art kursiver Form‘) des sabäischen Alphabetes zu sehen haben, die für den privaten Gebrauch bestimmt war. Dies liegt einmal durch den Gebrauch der Schrift in so zu sagen inoffizieller Weise bei den Graffiti zur Verewigung des Namens in Verbindung mit Tierbildern nahe und wird auch durch die Gestalt der Buchstaben selbst bestätigt. Gewiß spielt bei dieser das Material, z. B. härterer Stein ?), eine große Rolle; allein man darf dabei nicht übers Ziel hinausschießen. Dem Sabäer, der Graffito ı, 7, II, 12 schrieb (vgl.Taf.II), konnte es unmöglich mehr Mühe oder Zeit kosten, statt der offenkundig kursiven Form die gebräuchliche Form m der offiziellen Inschriften einzukratzen. Ebenso verhält es sich bei œ mit der Schief- stellung des Striches in den Graffiti 4, 6, 17. Das große Dreieck von Pl in Graffito 8, 16 hat im Gegenteil sogar vielleicht mehr Arbeit ge- kostet als das lapidare Zeichen in ıo, und bloße Ungeschicklichkeit kann auch nicht der Grund für die Formgebung gewesen sein, da sich ein Dreieck eben, ob groß, ob klein, stets gleich bleibt. Ähnlich steht es mit X in Graffito r, rr oder mit 9 in 7, 1, 15, wo die Rundung durchaus kursiv ist. Es müßte auch merkwürdig zugehen, wenn ein Handelsvolk, wie die Sabäer, das auf schriftlichen Verkehr, der sich wohl auf Ton-, Holztafeln, Papyrus o. ä. vollzog, angewiesen war, keine Kursive entwickelt hätte. Kursiven Einschlag zeigen ja auch die drei altnordarabischen Alphabete, deren Zusammenhang mit der minäo-sabäischen Schrift M. Lidzbarski betont hat?.. Nun fand
1) Wenn ich hier von „Kursiv“ spreche, so meine ich natürlich nicht eine Schrift, die etwa solche Abstände von der Lapidare zeigt, wie die byzantinische Schreibschrift von der Unziale. Derlei ist ja bei einer Schrift, deren Buchstaben sich nicht oder nur schwer untereinander verbinden lassen, wie die sabäische, undenkbar. Die Ver- änderung bezieht sich eben nur auf handlichere Gestaltung der Formen, wie in der punischen Kursive.
32, Man beachte aber, daß dies Moment, das die Umwandlung runder in eckige Formen begünstigt, bei den sabäischen Graffiti, die hier herangezogen sind, kaum in Betracht kommt; denn diese sind in Sandsteinfelsen eingegraben.
3) Ephemeris I, S. 113, s. auch E. Littmann, Zur Entzifferung der Safa-Inschriften, Leipzig 1901, Einleitung S. III. Es ist nicht undenkbar, daß auch hier die Form, in der das sabäo-minäische Alphabet nach Norden zurückwanderte, die sabäische Kursive gewesen ist. Das würde die so auffallende Übereinstimmung des Altnordarabischen
Zu Seite 79.
Archiv für Schriftkunde. Jahrgang I. Heft 2/3.
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Tat. I: Schrifttafel B. Die unvokalisierte und vokalisierte Schrift der altäthiopischen Inschriften und ältesten äthio
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pischen Handschriften.
(Gezeichnet von Dr. A. Grohmann.)
Über den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 79
E. Littmann auch auf abessinischem Boden sabäische Graffiti (Littmann 36—38 in Toconda) und auf Littmann 36 sehen wir W bereits umgekehrt sh, wie im äthiopischen, & mit Schiefstellung des Mittelstriches; in Littmann 37 haben wir das älteste Dokument einer rechtsläufigen Inschrift, in Littmann 38 die Form des X wie im sabä- ischen Graffto 6 E. Glasers und dasselbe Y wie im Graffito 2. Die sabäische „Kursiv‘form, wie sie die südarabischen Graffiti zeigen, ist sonach auf abessinischem Boden belegt und der Schritt von dieser Schriftform zur nationalen altäthiopischen — oder, wie ich eben sagen würde, die Übernahme der sabäischen Kursive zur altäthiopischen Lapidare und Kursive — nach den oben erwähnten Gleichungen weder groß noch außer dem Bereich der Möglichkeit. Man braucht so kein antiquarisches altsabäisches Alphabet heranzuziehen, sondern einfach die natürliche Entwicklung der Dinge, die Erkenntnis der praktischen Seite der sabäischen Kursivschrift oder Alltagsschrift, für die Gestal- tung des äthiopischen Alphabetes geltend zu machen. Daß diese Schrift auch am Hofe eingeführt wurde und man die alte Sitte, Sabä- isch in der so zu sagen ornamental degenerierten Lapidare'), die um 300 n. Chr. herum in Südarabien und Aksum in Gebrauch war, aufgab, zeugt für ihre praktische Bedeutung. Diese war es auch sicher zu- sammen mit einem Entgegenkommen an den nationalen Stolz der Abessinier, die es den christlichen Missionären nahelegte, die einmal nun vorhandene Schrift auch für die Bibelübersetzung zu verwenden. Daß man dabei von links nach rechts schrieb, muß nicht unbedingt griechischen Einfluß verraten — die südarabischen Graffiti laufen auch nach beiden Richtungen, Littmann 37 ist bereits rechtsläufig. Unzweifelhaft griechischen Ursprungs sind nur die Zahlen; die sabäischen waren eben weder ausreichend noch praktisch.
6. Die Vokalbezeichnung der äthiopischen Schrift.
Die vokalisierte Schrift, wie sie bereits in Littmann g vorliegt, be- hält die vor allem aus Littmann 7, 34, 26 bekannte Schriftform bei. Obwohl bereits auf diesen alten Staatsdokumenten die Vokalisation
mit den südarabischen Graffiti erklären. Vgl. N. Rhodokanakis, WZKM XXII, 1908, S. 214 f.
ı) Die sabäische Lapidare von Littmann 8 zeigt übrigens sehr starke Anklänge an die Schrift der Graffiti bzw. späte Formen. Man vergleiche die Buchstaben 3 = UW 3, 4 =Å 1 vor allem K, (P) d mit Trennung des Dreiecks von der Stütze, wie in Littmann 17, 33, 41, 77. Vielleicht ist es denkbar, daß man wenigstens bei 1 und Šš die Graffitoform in die Lapidare aufnahm. Daß für Littmann 17, 33, 41, 77, das d von Littmann 8 eine Art Vorlage abgegeben hat, ist nicht recht denk- bar, die graphisch ältere Form ist jedenfalls in Littmann 7 erhalten; allerdings zeigt
80 Dr. Adolf Grohmann
voll durchgeführt war, hat man doch auch noch später, wie die Mün- zen und die äthiopischen Graffiti zeigen, in archaischer Weise teils ohne Vokale, teils in halbvokalisierter Schrift geschrieben. Die Art und Weise, wie die Vokale bezeichnet werden, hat A. Dillmann’) mit größter Genauigkeit beschrieben und was noch aus den Inschriften beizubringen war, haben D. H. Müller?) und E. Littmann?) gegeben. Ich möchte hier nur kurz darauf verweisen, daß bezüglich des Ur- sprungs der Vokalisation drei verschiedene Erklärungen einander gegen- überstehen.
Nachdem schon Job Ludolf die Meinung ausgesprochen hatte, der Schöpfer der äthiopischen Schrift habe die griechischen Vokale ge- kannt (vgl. S. 65), meinte Klaproth‘), daß die Äthiopier die sieben grie- chischen Vokale übernommen hätten, was bereits U. F. Kopp5) be- richtigte. Für W. Jones war die äthiopische Vokalisation ein Grund zum Vergleiche mit der indischen Schrift (vgl. S. 66); ihm schloß sich auch U. F. Kopp an, indem er in der Anhängung der Vokale einen nachherigen Zusatz sah, „der von einer vielleicht vorhanden gewesenen Kenntniß und Nachahmung indischer Schriften herkommt‘“‘ć), Jones Mei- nung teilte auch R. Lepsius’). A. Weber?) beschäftigt sich eingehend mit der äthiopischen Vokalisation. Ihr Prinzip ist seiner Ansicht nach dasselbe wie das der indischen und arianischen Alphabete, er sagt aber selbst: „direkte Gleichheit der Bezeichnung findet allerdings eben- so wenig statt, wie bei diesen beiden‘. Eine Übertragung der indischen Vokalbezeichnung aufs Äthiopische nahm auch E. Glaser an (vgl. S. 73) A. Dillmann?) sah in der Erfindung der Vokale „eine Tat des abyssi- nischen Volks“. Über D. H. Müllers und E. Littmanns Ansicht s. oben S. 73f.
Von den beiden gegen die unabhängige Erfindung der Vokale ge- richteten Ansichten hat noch diejenige den meisten Schein von Wahr- scheinlichkeit für sich, die im indischen Vokalsystem die Quelle des äthiopischen sieht. Daß dies aber eben nur Schein ist, soll hier dar-
sich auch da gelegentlich schon die Trennung des Dreiecks durch eine Linie von der Basis.
1) Grammatik der athiopischen Sprache, S. 20 ff.
2) Epigraphische Denkm. aus Abessinien, S. 6gf.
3) Deutsche Aksumexped. Bd. IV, S. 79f.
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) A. a. O., S. 537, ebenso S. de Sacy, Hupfeld, W. Gesenius und J. Bird. \ A.a. O., S. 346.
} A. a. O., S. 360.
7) A. a. O., S. 74 ff.
8 A.a. O., S. 404.
9) Grammatik der äthiopischen Sprache, S. 20.
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Uber den Ursprung und die Entwicklung der athiopischen Schrift 81
getan werden. — Da die Einführung der Vokalschrift nach E. Litt- mann (a. a. O. S. 79) unzweifelhaft um 350 n. Chr. stattfand, kommen für die allfällige Entlehnung nur folgende indische Alphabete in Be- tracht’):
ı. Das Brahmaalphabet etwa 350 v. Chr. bis 350 n. Chr.
2. das Kharosthialphabet etwa 350 v. Chr. bis 200 n. Chr., von denen das Brahmaalphabet, wie es von Christi Geburt bis etwa 350 n. Chr. im Gebrauch war, noch am ehesten zum Vergleich heran-
Grundform mit 4 mit u mit e g N Ov n gt g XIII 9 VIII
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13 II 13 II
32 II 32 XVII t A 3. A aıl 21 XVII 2ı IX bh A de 29 I ag Il a J T 15 VI ı5 VIll t c a 16 VI 16 V a Ir I 20 VIII 20 IX th © ~O a2 Ul 22 1X
Abb. 8: Spezimina der Vokalbezeichnung für (a) & und e in der Brahmaschrift.
gezogen werden kann. Auffällig ist vor allem die Inhärenz des a (wohl als des häufigsten) Vokals, die sich auch im Kharosthi findet — allerdings auch bereits in der persischen Keilschrift?).. Die Vokale
1) Ich entnehme die folgenden Daten aus G. Bühler, Indische Paläographie (StraB- burg 1896) im Grundriß der Indo-Arischen Philologie und Altertumskunde 1.Bd., 11. Heft, S. ıoff. und wähle daraus nur das in Bezug auf das Äthiopische Wichtige aus. Für alle paläographischen Angaben sei auf Taf. III seines Werkes verwiesen.
2) Vgl. A.Weber, Zeitschr. d. deutsch. Morgenl. Gesellsch. 10 (1856), S. gor, Note 2.
82
Dr. Adolf Grohmann
aber sind mit zwei Ausnahmen durchwegs vom Athiopischen grund- verschieden bezeichnet. Zur leichteren Orientierung seien diese beiden Falle (u, e) auch hier als Spezimen der indischen Vokalisation auf- gefiihrt?).
Im indischen Brahmaalphabet sind nun die Vokale auf folgende Weise ausgedriickt.
u
Sc
S|
durch Verlängerung des rechten Balkens nach unten und An- satz zweier Horizontalstriche rechts oder eines links oder rechts, oder Ansatz zweier Striche ohne Verlängerung des Balkens (vgl. das äthiopische u).
durch einen geraden nach unten gerichteten Strich an der rechten unteren Seite der Grundform, der sich gelegentlich wie deren Verlängerung oder Stütze ausnimmt, durch Ansetzung eines geraden oder etwas gebogenen Striches an der rechten Seite in der Mitte oder am Fuße der Grundform (gelegentlich z. B. gu 9 VI durch beide Arten zugleich).
durch Ansetzung eines ringförmigen offenen Hakens oben am Kopfe, rechts an der Spitze des oberen Querbalkens, oder am Kopfe des rechten oder linken Vertikalbalkens.
durch einen nach links gebogenen Strich, rechts oder links oben an der Grundform.
durch einen geraden oft schief nach aufwärts gerichteten Strich, rechts oben, selten rechts in der Mitte der Grundform.
durch einen geraden, selten schief aufwärts gerichteten Strich links oben am Kopfe oder mehr gegen die Mitte der Grund- form, der gelegentlich auch durch diese hindurch geht, oder oben links innen nach unten angebracht ist (vgl. äthiopisches 2).
durch einen horizontalen Strich oben über der Grundform, der gelegentlich durch diese geht, auf einem vorhandenen Horizontalbalken rechts normal aufliegt; durch Ansetzung eines Horizontalstriches rechts in der Mitte und links oben an der Grundform, eines Striches rechts und links in der Mitte oder oben an den linken oder rechten Balken der Grundform.
Vergleicht man nun damit die altäthiopische Vokalisationsart, so er- geben sich sofort durchgreifende Unterschiede.
a) Im Indischen ist zwischen uU und i und i und I geschieden, im Athiopischen nur ii und 1 vorhanden, Ñ, ï (Öö, > ë geworden.
1) Nach G. Bühler, a.a. O. Taf. III, Die Brahma-Schrift von Chr. Geb. bis ca. 350 n. Chr.
Über den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 83
b) Dagegen fehlt im Indischen die spezielle Bezeichnung des é und 0. Was die Art der Bezeichnung der Vokale im Altäthiopischen anlangt, so wird:
aw durch einen Horizontalstrich rechts in der Mitte mit gelegent-
licher Stützung der Grundform (U), Z, T), selten unten (Q,, 2»),
einmal (A) auch rechts innen durch einen schiefen Strich be-
zeichnet (vgl. das indische U).
ı fast regelmäßig durch einen geraden Strich rechts unten am
Fuße der Grundform, die öfters gestützt wird (Ausnahme /),). a durch Verkürzung des linken Balkens, bzw. rechte Stützung
der Grundform oder Ansatz eines Striches links (bei („, G
rechts) an der Grundform.
e regelmäßig durch Ansetzung eines Ringes rechts unten an die Grundform (bei /\, A innen, RB in der Mitte) oder an die Stütze derselben.
ist auf verschiedene Weise bezeichnet: r. durch Knickung des linken bzw. mittleren Balkens (4), $\, 4:), 2. durch Anbringung eines schiefen bzw. Schiefstellung eines vorhandenen Striches oben in der Mitte des Zeichens A, ñ, +, U, 9), 3. durch Anbringung eines geraden Striches in der Mitte links (rf\}), oben
links (h, 4, N. H), unten links innen (Ñ), oben rechts (C, Ar, P, R, C), 4. Stützung des Zeichens links (J, 4), 5. Ansatz eines Ringes links innen (q) oder 6. zweier Striche am Fuße (8&,). (Vgl. das indische £.)
durch Stützung der Grundform links (lJJ in der Mitte), bzw. Verkürzung ihres rechten Balkens oder Ansatz eines Ringes (Dreiecks) oben.
Eine prinzipielle Ähnlichkeit zwischen dem Brahmı und dem Äthio- pischen bezüglich der Vokalisation ist also nur in drei Punkten vor- handen:
I. in der Inhärenz des d in der Grundform.
2. in der Bezeichnung der Vokale durch Striche.
3. speziell in der Art der Vokalbezeichnung für ZU und ë. Gemein- sam ist hier bei U die Anbringung eines Striches rechts und seine Ansetzung an eine Verlängerung bzw. Stützung des Balkens (/, SL). Man beachte aber, daß eigentlich nur % im Indischen ausschließlich rechts bezeichnet wird, wie Kim Äthiopischen und für & auch andere im Äthiopischen nicht vorhandene Möglichkeiten der Bezeichnung gegeben sind. — Ebenso auch bei č. Die Anbringung eines Striches links ist beiden Alphabeten gemeinsam, hingegen fehlen dem Brahmi alle an- deren Bezeichnungsmöglichkeiten des Altäthiopischen.
Wc
el
84 Dr. Adolf Grohmann
Von diesen drei Punkten ist ersterer auch in der persischen Keilschrift geltend zu machen, der zweite und dritte fällt wegen der überwiegend
verschiedenen Anwendungsart nicht sehr ins Gewicht.
Die Entlehnung
der Vokalbezeichnung aus indischer Quelle ist sonach nur in den Be- reich einer sehr hypothetischen Möglichkeit zu verweisen. Es ist viej
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Abb. 9: Cod. Tubing. M. a. IX. 33. fol. 83r (Anfang des XVI Jh.).
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wahrscheinlicher, daß die Erfindung der Vokale ein Verdienst der
christlichen Missionäre ist und unabhängig erfolgte.
Ist bei ihnen
aber gewisse Kenntnis der indischen oder einer ähnlichen Vokalisation vorhanden gewesen, so würde deren grundverschiedene Anwendung im Äthiopischen eben wieder ihre eigene Erfindung darstellen, die darum nicht weniger geistreich wäre.
Uber den Ursprung und die Entwicklung der äthiopischen Schrift 85
7. Weiterentwicklung der äthiopischen Schrift.
Betrachtet man die Buchstabenform der ältesten Hss. im Vergleich zu denen der Inschriften, so ergibt sich, daß eigentlich die Schrift völlig gleich bleibt. Für das griechische TI, das in den Eigennamen der Bibel vorkam, finden wir zwei neue Zeichen verwendet nr und T''), die in den altäthiopischen Inschriften nicht vorkommen und wohl auf
die Bibelübersetzung zurück zu führen sind. A ist formell an ange- glichen, graphisch aber vielleicht, wie H.Grimme vermutet, aus \ + U
Abb. 10: Cod. Tubing. M. a. IX. 13. fol. 80° (Anfang des XVII. Jh.).
entstanden. Sonst aber hat sich nichts geändert. Dieser Konservati- vismus zeigt sich in der Schrift der Hss. des 13. bis 19. Jahrhunderts, ja eigentlich bis heute. Es war stets nur die Größe der Buchstaben, die gewechselt hat, oder die schlankere oder kräftigere Betonung der Balken, gelegentliche Schweifung, die Form der Häkchen u.ä. Die ältesten Handschriften (13. bis 14. Jahrh.) sind in markigen eckigen Zügen geschrieben, bei denen statt der späteren Rundungen die Drei-
1) Vgl. Job Ludolf, Gramm. aeth. Ed. II, S. 7.
86 Dr. Adolf Grohmann
ecksformen bevorzugt sind. Man vergleiche besonders P, P, V, A; A (siehe Tafel III und Abb. ı, 2) in Aeth. 21r der Wiener Hofbibliothek (13. bis 14. Jahrh.), ferner auf der Stiftungsurkunde Amda Sıyons (1314 bis 1344 n. Chr.) in der